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Kampf gegen Altersarmut „Jeder Tag ist es wert!“

Die Einführung der neuen „Grundrente“ wird in diesen Tagen heftig diskutiert, auch innerhalb der Berliner Koalition. Lydia Staltner betrachtet diese geplante Leistung aus einer anderen Perspektive. Als Gründerin des Vereines Lichtblick e.V. kämpft sie seit 2003 gegen die Altersarmut in Deutschland. Der Verein unterstützt bedürftige Senioren, deren Rente trotz jahrzehntelanger Arbeit nicht zum Leben reicht. Wir haben mit Frau Staltner über mögliche praktische Auswirkungen der Grundrente gesprochen, über den Kampf gegen die Altersarmut insgesamt – und über die Würde des Menschen im Alter.

 

Frau Staltner, „Lebensleistung zahlt sich aus“, unter diesem Terminus wirbt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für die Grundrente, welche ab dem kommenden Jahr das Alterseikommen erhöhen soll. Ist das keine gute Nachricht für einen Verein wie LichtBlick Seniorenhilfe e. V., der seit 17 Jahren gegen Altersarmut in Deutschland kämpft?

Ein Leben in Würde bedeutet, dass Menschen nach vielen Arbeitsjahren und erbrachter Lebensleistung von ihrer Rente leben können. Es darf nicht bedeuten, dass sich Menschen im Ruhestand an die Tafel wenden müssen, um buchstäblich überleben zu können. Es darf ferner nicht bedeuten, dass man sich lebenswichtige Medikamente nicht leisten kann oder keinen Anspruch auf eine altersgerechte Sehhilfe hat, weil die Krankenkasse erst ab sechs Dioptrien den Zuschuss für die Brille übernimmt. Und wo bleibt die Würde, wenn alte Menschen kein Geld für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs haben oder sich das Geburtstagsgeschenk für den Enkel ganz konkret vom Mund absparen müssen? In meinen Augen wird die Grundrente diesen riesigen Berg aus Problemen für bedürftige alte Menschen nicht lösen – sie bedeutet lediglich die Aufstockung eines Punktesystems.

 

Wer jahrzehntelang sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, wird mit der Grundrente im Alter künftig besser dastehen – so proklamiert es die hohe Politik. Wie stellt sich die Situation in der Praxis aus Ihrer Perspektive tatsächlich dar?

Uns erreichen täglich bis zu zehn Anträge auf Unterstützung von bedürftigen Rentnern aus ganz Deutschland. Wir helfen den Betroffenen schnell und unbürokratisch bei der Anschaffung dringend benötigter Dinge, wenn beispielsweise die Waschmaschine kaputt ist oder das Geld für Medikamentenzuzahlungen nicht reicht. Allerdings können wir als spendenfinanzierter Verein erst dann helfen, wenn sämtliche staatlichen Mittel ausgeschöpft sind – und das überprüfen wir auch. Unsere Erkenntnis ist: viele alte Menschen werden vom Grundsicherungsamt abgelehnt, weil sie einige Euro über der Bemessungsgrenze liegen. Diese „versteckten Armen“ fallen bereits heute durch das Raster unserer Gesellschaft.

Das können und wollen wir nicht hinnehmen, deshalb sind wir für unsere Senioren da.

Viele dieser älteren Erwerbsbiografien sind unter anderem davon geprägt, dass der gesetzliche Mindestlohn noch nicht eingeführt war. Wird die Grundrente in diesen und auch anderen Fällen tatsächlich helfen? Das bleibt abzuwarten.

Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist das Thema Steuererklärung: Jeder Rentner, der mit seiner angenommenen Grundrente oberhalb des steuerlichen Rentenfreibetrags von 9.408 Euro liegt, wird künftig eine Steuererklärung beim Finanzamt abgeben müssen. Da dies nur noch digital möglich ist, kommen auf die betroffenen Senioren Kosten zu, etwa für die Mitgliedschaft in einem Lohnsteuerhilfeverein oder gar für einen Steuerberater. Unter dem Strich werden da etliche Rentner weniger Geld haben als jetzt – sofern man von dieser digitalen Steuererklärungspflicht bei Bezug der Grundrente nicht befreit wird.

 

Die geschätzten 1,3 Millionen Nutznießer mit mindestens 33 Jahren Pflichtbeiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung sollen zusätzlich von Freibeträgen beim Wohngeld, der Grundsicherung und weiteren Bereichen profitieren. Das sind doch hilfreiche Bestimmungen, oder?

Fakt ist doch, dass Menschen im Ruhestand von ihrer Rente leben können sollten, ohne dem Staat auf der Tasche zu liegen. Bei einem Mindestlohn von 9,35 Euro brutto ist es doch vorprogrammiert, dass die Betroffenen im Alter staatliche Unterstützung brauchen. 

Nach meiner Ansicht sollte es eine komplette Rentenreform geben, sonst trägt sich dieses System auf Dauer nicht. Alle Bürger sollten in eine allgemeine Rentenversicherung einzahlen müssen, auch die Selbständigen, auch die Beamten. Das würde nach meiner Überzeugung auf Dauer viel Not im Alter ersparen.

 

Die Grundrente ist als Rentenzuschlag konzipiert, der Zugang erfolgt ohne Antragstellung und über die Feststellung des Grundrentenbedarfes über eine Einkommensprüfung. Bedeutet das, die Berechtigten erhalten unaufgefordert Post von der Rentenversicherung und kommen insofern automatisch in den Genuss der Grundrente – mit allen von Ihnen eben genannten Nachteilen?

Ich finde, wir sollten hier zuerst einmal über eine „aufstockende Grundrente“ sprechen. Die geplante Abwicklung sorgt im Ergebnis dafür, dass viele gut situierte Bürger in den Genuss einer Grundrente kommen, die sie gar nicht brauchen. Ein Beispiel sind Ehefrauen, die früher wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben, deren Ehemänner aber gut verdient haben.

Ferner werden die Vermögensverhältnisse nicht umfassend geprüft und so werden Menschen mit Immobilien und anderen Vermögen zu den automatischen Beziehern der Grundrente werden, während wirklich Bedürftige sich womöglich mit zusätzlichen Kosten durch den Bezug der Grundrente auseinandersetzen müssen, Stichwort digitale Steuererklärung.

 

Wären Sie politische Entscheidungsträgerin, mit welchen Mitteln würden Sie die Altersarmut bekämpfen?

Altersarmut ist zunächst einmal vorrangig weiblich und die Gründe hierfür sind bekannt – und werden leider noch immer toleriert. Frauen verdienen für dieselbe Tätigkeit weiterhin oftmals erheblich weniger als Männer, das so genannte "Gender Pay Gap" liegt in Deutschland bei stolzen 20 Prozent und damit weit höher als in vielen anderen europäischen Ländern. Man kann sich die Folgen dieser Praxis für die Höhe künftiger Renten leicht ausrechnen. Sind Frauen hierzulande auch im 21. Jahrhundert weniger wert als Männer?

Außerdem muss der Mindestlohn auf ein vernünftiges Niveau angehoben werden, denken Sie einmal an die vielen Menschen, die jahrzehntelang auf oder knapp über Mindestlohnniveau in Vollzeit arbeiten müssen. Da kann im Ergebnis keine vernünftige Rente herauskommen.  

Dritter Punkt: das Rentenniveau! Die Diskussionen um eine angeblich notwendige Senkung müssen aufhören – 48 Prozent sind in vielen Fällen ohnehin viel zu wenig. Die Rente gehört im Gegenteil auf gute Weise erhöht, damit tatsächlich allen Menschen in diesem Lande ein Ruhestand in Würde ermöglicht wird.

 

Abschließend eine persönliche Frage: Sie haben vor 17 Jahren die LichtBlick Seniorenhilfe e. V. gegründet und sind seitdem unentwegt im Kampf gegen Altersarmut unterwegs. Was treibt Sie an, diese oftmals sehr beschwerliche Arbeit zu machen?

Vor vielen Jahren habe ich in meiner Nachbarschaft in München eine alte Dame beobachtet. Ob Sommer oder Winter – Tag für Tag hat sie dasselbe abgetragene Paar Schuhe getragen. Damals habe ich mich nicht getraut, sie anzusprechen und ihr meine Hilfe anzubieten. Doch vergessen konnte ich die alte Dame nie. 2003 war LichtBlick Seniorenhilfe der erste Verein in Deutschland, der sich bedürftiger alter Menschen annahm. Heute sind es über 16.000 Rentner aus ganz Deutschland, denen wir ein „Lichtblick“ sind!  So traurig es ist: Ohne uns könnten viele nicht überleben.

Es kostet natürlich Kraft, gegen die Altersarmut in unserem reichen Land zu kämpfen, doch eines gilt immer: JEDER Tag ist es wert! Helfen macht glücklich und es macht glücklich, wenn die Hilfe ankommt.

 

Die Lichtblick Seniorenhilfe e.V.

Solidarität, Vertrauen und Gemeinschaft

LichtBlick Seniorenhilfe e.V. wurde 2003 von Lydia Staltner gegründet und unterstützt von den Standorten in München, Münster und Deggendorf aus inzwischen deutschlandweit mehr als 16.000 bedürftige Seniorinnen und Senioren, deren Rente trotz jahrzehntelanger Arbeit nicht zum Leben reicht. Der „LichtBlick“ sorgt für finanzielle Hilfen bei der Anschaffung dringend benötigter Dinge des Alltag und holt ältere Menschen aus der Einsamkeit.

In der aktuellen Corona-Krise werden außerdem zum Schutz der besonders gefährdeten alten Menschen wöchentlich Lebensmittelkisten bis zur Haustür ausgeliefert, weitere Besorgungen werden durch ehrenamtliche Einkaufshelfer erledigt oder finanzielle Unterstützung bereitgestellt, wenn der Nachbar einkauft.

 

 

 

 

Spenden Sie Lichtblicke!

Altersarmut lässt sich nur gemeinsam bekämpfen. Deshalb ist die LichtBlick Seniorenhilfe e.V. als gemeinnütziger Verein dringend auf Unterstützung angewiesen. Die Projekte des Vereins finanzieren sich ausschließlich aus Spenden. Jeder Euro hilft.

Das Corona-Spendenkonto von LichtBlick Seniorenhilfe e.V.:

Stadtsparkasse München
IBAN: DE40 7015 0000 1005 9735 48
BIC: SSKMDEMM

 www.seniorenhilfe-lichtblick.de