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Mehr Arbeit für die Payroll? – Steuerliche Abgrenzung zwischen Geldleistung und Sachbezug geplant

Der Entwurf eines Schreibens des Bundesfinanzministeriums zur Abgrenzung zwischen Geldleistung und Sachbezug erregt derzeit die Gemüter. Werden diese Ausführungen wie geplant rückwirkend zum Jahresbeginn umgesetzt, droht für die Entgeltabrechnung vieler Arbeitgeber enormer Mehraufwand – und das in Zeiten von Corona und Kurzarbeit. Unser Gesprächspartner Florian Gottschaller kann die angedachten Maßnahmen nicht nachvollziehen. Als Vorstand eines führenden Unternehmens mit Fokus auf flexible Sachbezugskarten steht Gottschaller mitten im Geschehen.

 

Herr Gottschaller, der Entwurf eines BMF-Schreibens zur Abgrenzung zwischen Geldleistung und Sachbezug sorgt derzeit für Wirbel. Was ist denn daran so schrecklich?

Es wird massiv in den Wettbewerb eingegriffen und Arbeitgebern die freie Auswahl verwehrt. Der Amazon-Gutschein wird gestärkt und alle Anbieter moderner und flexibler Kreditkartenlösungen wie wir werden gezwungen, uns auf eine Kategorie – genannt werden beispielsweise „Streaming“ oder „Bücher unter Ausschluss von Zeitungen und Zeitschriften“ – zu beschränken. Damit müssten wir den stationären Einzelhandel – alle Bäcker, kleine Geschäfte, Frisöre, Restaurants, Hotels usw. - komplett ausschließen und nach Corona den nächsten Schlag versetzen.

 

Wie viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer wären von dieser neuen Sachlage betroffen?
Insgesamt sind über 6,5 Mio. Arbeitnehmer und 300.000 Arbeitgeber betroffen.

 

Die neue Regelung soll rückwirkend zum 1.1.2020 eingeführt werden. Das würde auch eine aufwendige und teure Rückabwicklung in der Entgeltabrechnung bedeuten – und das mitten in Zeiten der komplexen Abwicklung von Kurzarbeitergeld. Sehe ich das richtig?

Ja, leider. Das Bundesfinanzministerium und die Bundesländer haben fast ein Jahr gebraucht um einen Entwurf und die Details abzustimmen. Dass diese – in großen Teilen nicht vorherseh- und nachvollziehbaren – Details jetzt rückwirkend gelten sollen und Arbeitgeber wie Arbeitnehmer mit Nachzahlungen und enormem administrativem Aufwand belastet werden widerspricht komplett meinem Rechtsgefühl.

 

Ketzerische Frage: Bedeutet dieses Vorhaben nicht inmitten der Corona-Krise auch eine Aushebelung des ohnehin von diesen Pandemiezeiten gebeutelten lokalen Einzelhandels zugunsten der multinationalen Online-Händler, die sowieso zu den größten Krisengewinnern gehören?

Leider ist die Frage nicht ketzerisch – wenn das Schreiben unverändert so kommt wird genau das passieren. Es gibt bewährte und sehr beliebte Systeme, die sicherstellen, dass Mitarbeiter nur Sachbezug bekommen, aber selbst entscheiden, wo sie ihn einsetzen möchten. Nach unseren Beobachtungen geschieht dieser Einsatz zu 75 Prozent im regionalen Umfeld des Arbeitgebers. In den Erläuterungen zum Gesetz wird der Erhalt genau dieser Lösungen übrigens auch gefordert!

Ich gönne Amazon den Erfolg und trotzdem haben wir uns die letzten Jahre sehr erfolgreich im Wettbewerb bewährt. Wir wollen, dass sich Arbeitgeber für das für sie beste Produkt entscheiden können. Nun gilt es für die betroffenen Arbeitgeber abzuwarten, denn bis zum 3. Juli lief eine BMF-Verbandsanhörung.

 

Das Ganze könnte auch ein Rückschlag für die in Deutschland gerade in Gang gekommene digitale Beschleunigung zu sein. Wie sehen Sie das?

Die Corona-bedingten Homeoffice-Regelungen haben die vielen Vorteile digitaler Lösungen gezeigt. Wir wünschen uns auch beim Thema 44€ Sachbezug in der Finanzverwaltung mehr Offenheit für digitale Lösungen. Ist es gerade in 2020 wirklich das Ziel, dass wir ohne Not dem Binnenkonsum schaden und jetzt wieder auf deutlich ineffizientere Papier-Gutscheinmodelle zurückgehen?  

  

FlorianGottschaller 

Foto: © Florian Gottschaller

Quelle: LOHN+GEHALT