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Offener Brief: Auf Entzug…

Ich gestehe: Ich habe Entzugserscheinungen – ganz schlimme sogar. Schuld hat natürlich Corona – wer auch sonst? Ich war (und bin) immer ein Reise-Junkie gewesen. Fünf, sechs Mal im Monat unterwegs – Berlin, Frankfurt, München, Paris, London, Madrid und, und, und. Mitunter wurde ich von der Stewardess schon beim Einsteigen wiedererkannt und freundlich begrüßt – was meine Frau bei einer Urlaubsreise äußerst misstrauisch machte. Natürlich völlig grundlos. Die Sicherheitsunterweisung hätte ich selbst im Schlaf vorbeten können. Die unterschiedlichen ICE-Typen waren für mich eine selbstverständliche Kenntnis, die meisten Bahnhöfe konnte ich schon am Geruch erkennen. 

Und jetzt? Die Bahncard ist abgelaufen, eine neue anzuschaffen, macht keinen Sinn. Die Bonusmeilen der Fluggesellschaften verfallen nach und nach. Meine Kulturtasche hat schon Spinnweben angesetzt, die Bodylotion darin ist ranzig geworden. Ich jammere ja nicht nur meinetwegen. Schließlich habe ich eine Kraft in der Reiseabteilung meiner Firma ganz allein beschäftigt – die Arme ist jetzt auf Kurzarbeit null. Schlimm! 

Wenn ich heute im Fernsehen Bilder vom Eiffelturm oder von der Freiheitsstatue sehe, fange ich an zu zittern. Manchmal weine ich auch. Die emotionale Belastung durch den Entzug ist kaum zu ertragen. Jeden Tag am Schreibtisch (egal ob Office oder Homeoffice) – das hält doch keiner aus! Ja, ich weiß schon, es gibt viele Nine-to-five-Angestellte und Beamte, die das toll finden. Aber für mich ist das nichts. Ich muss raus in die Welt – geht aber ja nicht. 

Und dann gibt es noch Gesprächspartner, die bei einer Teamkonferenz ihren Bildhintergrund ganz bösartig ändern: Palmen, südländische Straßenszene, die Skyline von New York aus einem Bürofenster im 70. Stockwerk – muss ich noch mehr sagen? Der Mensch an sich ist eben Sadist. 

Einen Vorteil will ich aber nicht verschweigen: Ich habe, anders als viele andere im Lockdown, nicht zugenommen! Denn meine Frau kocht gut, aber fett- und kalorienarm. Da die früher häufigen Besuche in Fastfood-Restaurants (unterwegs muss es ja immer schnell gehen …) weggefallen sind, hat sich meine Ernährung insgesamt deutlich verbessert. Wobei auch dabei gewisse Entzugserscheinungen erkennbar sind. Nun gibt es da ja zum Glück Abhilfe: ab und zu in den Drive-in – natürlich heimlich –; wenigstens ein Lichtblick. 

Das Schlimmste ist, dass es wahrscheinlich auch nach Corona nie wieder so wird wie vorher. Viele Reisen werden auch später ausfallen und durch Videokonferenzen ersetzt. Ist ja auch viel ökonomischer. An meine Privatsphäre denkt natürlich keiner. Ich liebe meine Frau, wirklich, aber jeden Tag zu Hause? Bei unserer Silberhochzeit hatte sie noch behauptet, netto wären wir noch nicht einmal zehn Jahre zusammen. Vielleicht lief es deshalb bei uns so gut. Die Liebe wächst ja bekanntlich mit der Entfernung. Jetzt hat sich auch bei uns das tägliche Einerlei eingeschlichen. Keine Vorfreude mehr auf die Rückkehr des Göttergatten – weil der ja jetzt immer da ist. Nichts Besonderes mehr. Das tut mir weh! Ich kann nur darauf hoffen, dass die Impfungen jetzt schnell gehen und wirksam sind. Auch wenn es dann weniger Reisen sein werden als heute, ich wäre schon mit wenig deutlich zufriedener als jetzt. Eingesperrt, an den Schreibtisch gefesselt – HILFE! 

Aber ich muss jetzt aufhören, zu jammern, meine Frau ruft zum Abendessen. Einen Vorteil muss das Homeoffice ja haben. 

Ich freue mich schon auf die erste Reise, die ich – hoffentlich bald – wieder machen darf. Bis dahin: Bleiben Sie gesund!

 

Herzlichst, Ihr Felix, der (Un-)Glückliche

 

 

 

Foto: © Adobe Stock/Zarya Maxim

 

 

 

 

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