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Brennpunkt Ausbildung – denn sie wissen nicht, was sie studieren oder lernen wollten …

Dass die 700.00 Euro schwere Ausbildungsoffensive im Bereich Pflege von Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, nur wenig Anklang findet, ist vielleicht nur die Spitze eines Eisbergs, sie kann aber auch symbolisch für ein Gesellschaftssymptom gesehen werden. Die von den Machern von „Fack ju Göthe“ in Zusammenarbeit mit zwei PR-Agenturen produzierte Miniserie „Die Ehrenpflegas“ erlangte nicht nur geringe Beachtung, sondern sofort auch eine generell schwindende Aufmerksamkeit bei der eigentlichen Zielgruppe. Dabei mutet sie eher wie eine realitätsfremde Promotion-Parodie an, über die sich (nicht nur) Pfleger empören. 

Die derzeitigen Ausbildungsoffensiven scheinen ein teurer Spaß zu sein, der eigentlich so gar nicht zum Lachen ist und deutlich darauf hinweist, dass das Thema Ausbildung ganz generell von falschen Vorstellungen geprägt sein könnte. Vielleicht gibt es hier tatsächlich noch einiges mehr zu tun, als lustige Videos zu drehen oder cooles und hippes Recruitment-Marketing über Insta(gram), TikTok und Co. zu betreiben?

 

Das Berufsleben als Spaßreise? 

Kein Chillen nach dem Abi wegen Corona? Was tun die Abi-Absolventen, wo ihre Selbstfindungsphase in Neuseeland oder den USA nun ersatzlos gestrichen ist? Nicht jeder unschlüssige Schulabgänger wird sich umgehend in ein Freiwilliges Soziales Jahr begeben, denn die Berufung muss nicht selten da draußen irgendwo noch gesucht werden. Neben dem ganzen Schulstress war bei vielen weder Zeit noch Platz noch der Kopf dafür frei. Also dann doch gleich studieren? Einige haben die Nase immer noch voll vom Home-Schooling und fühlen sich kaum motiviert, sich umgehend an Hochschulen einzuschreiben, deren Studiengängen mit einem vierwöchigen Selbststudium beginnen sollen. So ist ein ganzer Teil der Absolventen nun erst einmal mehr oder weniger hilflos zu Hause gestrandet oder in irgendwelchen Übergangsjobs zu einem Zeitpunkt im Leben, wo die große Reise und der Spaß doch eigentlich erst richtig losgehen sollten.

 

Nicht „so meins“ und „gar nicht cool“? 

Einige der jungen Leute wissen zwar oft nicht, was sie wollen, aber schon so ein bisschen mehr oder weniger, was sie nicht wollen. Sie träumen von „coolen“ Jobs und verwechseln Public Management mit Öffentlichkeitsarbeit oder wollen „bei dm“ studieren – egal was –, als wäre das eine Bildungsinstitution und kein Arbeitgeber. Hakt man nach, stellt man fest, dass es oft an Vorstellungskraft fehlt, was die angestrebten Berufsbilder wirklich erfordern und welche Bildungsart oder Hochschule die wirklich passende sein könnte. Mittelmäßige Matheschüler streben ein BWL-Studium an, weil sie schließlich trotzdem viel Geld verdienen wollen, und bei einer kaufmännischen Ausbildung im Eventbereich sehen sich „die jungen Wilden“ eher im Publikum oder bei den Stars als am Schreibtisch oder Telefon bei der Event-Organisation, weil sie „was mit Menschen und weniger Mathe“ machen wollten. Während man ihnen jahrelang ganz stark eingetrichtert hat, ihren Neigungen und Träumen zu folgen, ist es dabei scheinbar nicht selten versäumt worden, zu erwähnen, dass da auch echte Arbeit wartet, die einfach getan werden muss, und dass Stellenprofile keine Menükarten sind, aus denen man sich rauspickt und „bestellt“, was einem gerade eben gefällt.

 

Persönlichkeitsbildung mit mangelnder Reife? 

Nicht umsonst gibt es inzwischen das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) als einjährige schulische Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) der Bundesagentur für Arbeit. Das BVJ wird bereits in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und im Saarland angeboten. Es richtet sich mittlerweile nicht mehr nur an Hauptschüler mit oder ohne Abschluss, sondern es nimmt auch orientierungslose Schüler in den Blick, die eine Mittlere Reife anstreben, aber damit überfordert sind, sich selbst den Anforderungen des Arbeitsmarktes zu stellen. Warum ein Abitur allerdings automatisch dazu befähigen soll, dieses Problem nicht zu haben, ist nicht wirklich zu erklären oder zu begründen. In der Oberstufe ist das Angebot an Beratungsmöglichkeiten vor Ort durch die Arbeitsagentur optional und, je nachdem, auch Teil des Unterrichts in Form von Einzelbesuchen. Die Erstellung des Lebenslaufs ist überwiegend immer noch Bestandteil des Deutschunterrichts, wo dann  immer noch veraltete Standards gelehrt werden und die technische Umsetzung oder Arbeitsmarkt-Kompetenzen nicht unbedingt eine Rolle spielen: Es fehlt also der gesamtheitliche Ansatz.

 

Bestens auf alles vorbereitet? 

Nicht nur so manche Schule, sondern auch das Elternhaus leistet so seinen Beitrag. Denn es gibt ja noch die „geile“ Generation Helikopterkind: ein Produkt einer Gesellschaft, in der am besten überall „alles kann und nichts muss“ und jeder grundsätzlich ein Geschenk ist, auf das die (ganze) Welt nur gewartet hat. Am Ende muss der Personaler 

genauestens darauf achten, dass nicht die Eltern sich bewerben, sondern wirklich das Kind tatsächlich den geeigneten Kandidaten darstellt – so gut eine bemühte und engagierte elterliche Fürsorge und Unterstützung auch gemeint sein mag, das Ergebnis sind schlichtweg zu wenig eigenständige Persönlichkeiten, denen letztlich eben kein Gefallen getan wurde. Praktikum machen viele immer noch da, wo man jemanden kennt und es nicht zu stressig wird, damit man mehr Zeit und Energie für offene Projektarbeiten hat. Das Land der Zeugnisse, Zertifikate und Noten „züchtet“ schon früh die Generation „Nachweis“ heran, bei der, bei aller Überfrachtung der Lehrpläne, konkrete Bezüge dann doch gerne ins Hintertreffen geraten. Und so manch ein Lehrer glaubt wirklich, mit einer kleinen Programmierungsaufgabe für eine Kühlschrankschaltung in der 9. Klasse für alle diesem Umstand nachhaltig entgegenzuwirken.

 

Alles nur noch „Wünsch dir was“? 

Es bleibt also später nicht selten den Unternehmen überlassen, die Anforderungen an das Bewerbungsverfahren für die jüngeren Generationen möglichst herunterzuschrauben mit dem Angebot von Mobile-kompatiblen Ein-Klick-Bewerbungen, einem Upload-Bereich für Fotos und Videos, auch um „lästig zu erstellende“ PDF-Dokumente überflüssig zu machen. Wobei man sich dann dabei am besten noch mit drei simplen Fragen die besten Studienabbrecher angelt, um den „Bewerbungsstress“ auf einem geringen Level zu halten. Ob es aber wirklich Sinn macht und der zukunftsweisende Weg sein kann, den roten Teppich immer weiter auszurollen, sollte ganz ernsthaft grundlegend hinterfragt werden. Obwohl es ja bald ohnehin nur technisch begabte Digital Natives geben soll. Dass die bereitgestellten IT-Budgets von den Schulen aus verschiedenen – auch personellen – Gründen kaum abgerufen werden, sehen die zuständigen Ministerien vielleicht doch noch zu sehr in deren Verantwortung.

 

Eindeutig hausgemachter Fachkräftemangel? 

Bei all den möglichen „Fun-Faktoren“ eines künftigen Berufs: Lehrjahre sind eben doch nicht nur „Spaßjahre“ und auch keine vorgezogenen „Herrenjahre“ im Wünsch-dir-was-Universum. Umso früher und klarer Aufgaben und Anforderungen kommuniziert und verständlich vermittelt werden, desto zufriedenstellender und erfolgreicher werden sich Studium oder Ausbildung auch gestalten. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten das größte Interesse haben und es auch konsequent verfolgen, das Trial-and-Error-Prinzip aufgrund von mangelnder oder falscher Vorbereitung zu minimieren. Sonst reift das große Fachkräfteproblem weiter in den Klassenzimmern und Köpfen heran und wird anschließend sogar noch gepflegt und gehätschelt. Das Phänomen einer gewissen Ahnungs- und Orientierungslosigkeit ist insgesamt geschlechterunspezifisch, schulartenübergreifend und herkunftsunabhängig zu beobachten und muss im Rahmen des öffentlichen Bildungsauftrags intensiver betrachtet werden, bevor hier weiter wertvolle Zeit verstreicht, Studien- und Ausbildungsmonate oder gar -jahre sinnlos in den Sand gesetzt und Gelder sowie wirtschaftliche und öffentliche Ressourcen (weiter) verschwendet werden. Denn da kann dann nämlich auch das beste Recruiting und Jobmarketing nichts mehr ausrichten und alles irgendwie noch auffangen und retten.

Autorin: Dr. Silvija Franjic – Online-Redakteurin + Content Creator

 

 

 

 

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