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Experiment oder neue Arbeitswelt? : Homeoffice-Euphorie auf dem Prüfstand – Mitarbeiter zwischen New Work und Limits

Ein Laptop für daheim macht nicht zwangsläufig ein echtes Homeoffice daraus. Wie viel Büro steckt wirklich im Zuhause der Mitarbeiter? Wo sind mögliche Schwachstellen und vielleicht sogar heimliche „Nöte“? Was ist noch zu improvisiert und was funktioniert wirklich? In welchen noch zu wenig bedachten und beachteten Punkten sind Unterstützung und Mitdenken von oben unbedingt gefragt?

Lesezeit 4 Min.
Ein offener, leerer Karton mit geöffneten Klappen, von oben betrachtet, der in einem Seminar zum Thema Personalmanagement zur Aufbewahrung von Materialien verwendet wird.

Für New Work so gar nicht eingerichtet?

Während Rentenversicherungsträger ihren Bediensteten Top-Bürosessel ins Homeoffice liefern, fristet der eine oder andere sein Arbeitsdasein neuerdings auf der Küchenbank oder im kalten Kämmerlein im Winter bzw. bei brütender Hitze im Sommer unter dem Dach. So kann es dann auch sein, dass der ergonomische Bürostuhl nach Hause geliefert oder selbst mitgenommen werden kann, dann fehlt er allerdings in der Firma. Hierhin kann man nicht so ohne weiteres zurückkehren, bevor diese Frage nicht gelöst ist. Wo der eine noch hoffte, dass es sich möglichst doch um eine Ausnahmephase handeln möge, hat es sich der andere bereits bequem gemacht und dabei mehr oder weniger gut umorganisiert.

Eine Frau sitzt auf einem kleinen weißen Stuhl, vertieft in die Lektüre eines Buches an einem winzigen weißen Tisch in einem gemütlichen Pappkartonzimmer und stellt ein kreatives oder minimalistisches Personalmanagement-Setup dar.

Manch einer streicht inzwischen die schreiend roten Wände seines Wohnzimmers um, da sie dauerhaft nicht zu ertragen sind. Es geschieht mancherorts so einiges in Eigenleistung, die vom Arbeitgeber nicht gesehen und daher auch nicht gewürdigt wird. Andererseits fehlt es an so manchem, von dem die Unternehmensführung womöglich gar nichts weiß.

Hauptsache, die Technik funktioniert?

Viele Arbeitgeber haben sich gern schnell daran gewöhnt, dass es im Grunde bereits funktioniert, weil es halt muss. Dabei wird weiterhin oft versäumt, wichtige Aspekte zu berücksichtigen und zu erfragen. Das Hauptaugenmerk lag und liegt weiterhin oft auf den technischen Bedürfnissen. Bei nicht vorhandenem Internet gibt es WIFI-Boxen für zu Hause mit begrenztem Datenvolumen und manche IT-Abteilungen sollen die ausgelagerten Mitarbeiter sogar systematisch abarbeiten und die Gegebenheiten vor Ort überprüfen. Der Bestellspendierbeutel der Vorgesetzten ist schon weit offener – neben den Laptops für daheim sind auch Headsets und zweite Monitore durchaus längst drin. Zugriffsrechte und Freigaben werden immer mehr angepasst, z. B. wenn nicht gedruckt werden kann – inklusive der Arbeitsorganisation bei abwechselnder Anwesenheit und neuen Rollenzuteilungen.

Eine Frau in Geschäftskleidung sitzt in einem Karton und übt Personalmanagement. In einer Hand hält sie einen Laptop, daneben ein altmodisches rotes Telefon mit Wählscheibe.

So soll doch in den wilden Anfangszeiten der eine oder andere Unterlagen heimlich mitgenommen haben, weil zunächst nicht klar war, wie die Aufgaben sonst hätten bewältigt werden sollen. Prozesse wurden angepasst, indem manche Signatur die Unterschrift von Hand endlich ersetzt. Wo man nicht an die Originalschriftstücke rankommt, erfolgt eine Teildigitalisierung, damit zumindest weitergearbeitet werden kann.

Wo man sitzt, ist man gut – „ein-gebettet“?

Die junge Mutter klagt am Ende des Arbeitstages über Rückenschmerzen, weil ihr WLAN für Online-Team-Meetings und -Konferenzen nur dann stark genug ist, wenn sie als Arbeitsplatz den Kinderschreibtisch mit entsprechender kleiner Sitzgelegenheit wählt. Mit Kopfschmerzen beendet der Sachbearbeiter seine Arbeit regelmäßig, da nun selbst sämtliche „Festbeleuchtung“ an einem trüben Arbeitstag in der Erdgeschosswohnung einfach nicht ausreicht. Auf seinem Dienstlaptop in Standardgröße erscheinen Details der Präsentationen, die andernorts von Kollegen mit großen Monitoren gehalten werden, klein und so lesbar wie „Mückenschiss“, stellt er frustriert fest.

Eine Frau, die unbeholfen auf einem kleinen weißen Stuhl sitzt, mit ausgestreckten Beinen und einer Hand auf der Stirn, in einem übergroßen Karton, der das Gefühl von Eingeengtheit oder beengter Personalsituation zum Ausdruck bringt

Bis er die Vergrößerungsfunktion betätigen kann, hat er dasselbe Problem mit der nächsten Grafik und ist mehr abgehängt als anwesend bei der Sache. Solche Probleme, die langfristig auf die Gesundheit gehen können, gleichen auch keine angepassten bzw. erweiterten Kernarbeitszeiten mit verlängerten Mittagspausen und möglichen Spaziergängen aus.

Was braucht es denn wirklich – und was nicht?

Die Feedbackmöglichkeiten bei den Befragungen zur Situation im Homeoffice sollten mehr sein als „Was-brauchst-Du-Mails“ oder HR-Standardfragebögen zum Thema Mitarbeiterzufriedenheit, die eher die Stimmung in Bezug auf das Unternehmen und die Vorgesetzten ausloten, als sich mit den tatsächlichen Begebenheiten vor Ort zu befassen. Es hilft nichts, die Häufigkeit zu erhöhen, statt die Themen konkreter anzupassen. Manche Firmen halten ihre Führungskräfte an, jetzt noch häufiger und besser erreichbar zu sein – gleichzeitig sind diese ja aber auch für neue Fragen der Arbeitsorganisation zuständig und damit weiterer Mehrarbeit ausgesetzt. Es ist einerseits gut, wenn man sich in der Not über den Messengerdienst verständigen kann, zum Beispiel bei einem Netzausfall.

Ein Unternehmer, der im wahrsten Sinne des Wortes an der Kinokasse startet, sich auf Humanressourcen konzentriert und optimistisch einen Daumen nach oben zeigt.

Andererseits möchte nicht jeder so selbstverständlich ständig und überall mit seinem Privathandy einspringen und damit auch Infos über sich preisgeben. Nicht nur das Vermischen der Kontakte, sondern die Flut zusätzlicher Nachrichten kann Stress bereiten, gerade auch durch vielleicht gut gemeinte, aber ineffiziente Gruppenkonversation. Da kann die Anzahl der neuen Nachrichten die Mail-Flut um ein Vielfaches übertreffen.

Zu Hause stets auf der sicheren Seite?

Das Thema Arbeitsschutz ist in vielen Unternehmen einfach in den oberen Büroetagen liegengeblieben. Aber auch versicherungstechnische Fragen sollten offiziell geklärt sein, damit die Mitarbeiter für den Fall der Fälle abgesichert sind, wenn etwas passiert. Versichert ist man bei einem Unfall nur, wenn dieser bei einer Tätigkeit geschieht, die wirklich zu den festgelegten beruflichen Aufgaben zählt. Das heißt, wenn man umknickt, dann springt die Versicherung nur dann ein, wenn dies nachweislich während eines Diensttelefonats geschehen ist. Passiert das auf dem Weg zur Waschmaschine, ist das weiterhin Pech. Auch das Zubereiten von Getränken und Speisen sowie der Gang zur Toilette sind im Homeoffice versicherungstechnisch weiterhin nicht abgedeckt. Egal, wie flexibel und locker sich der Vorgesetzte inoffiziell äußert, es gelten immer noch die gesetzlichen Bestimmungen, und das sollte bekannt sein. Im Graubereich befindet sich oft auch der Datenschutz.

Eine Person mit verschränkten Armen sitzt in einem großen Karton und wirkt nachdenklich oder unsicher über persönliche Management- oder Personalstrategien.

Wenn es andere Anwesende gibt, weil es anders nicht zu lösen ist, reicht es nicht aus, wenn die anfängliche Verpflichtung zur Einzelnutzung des Arbeitsraumes einfach wieder aufgehoben wird. Ebenso genügt es nicht, vornehmlich die Compliance-Bestimmungen nachzuschulen oder die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) geistig aufzufrischen, ohne auf die Einhaltung zu achten.

Fehlt am Ende doch der Mensch?

Fakt ist, dass die Menschen mit der Situation unterschiedlich gut zurechtkommen und oft ganz verschiedene Grundvoraussetzungen vorliegen. Der eine genießt die Ruhe, der andere kämpft permanent mit Ablenkung.

Über den Tellerrand schauen und dabei eine laute Stimme im Personalmanagement haben.

Was aber trotzdem fehlt, darüber sind sich die meisten einig – ebenso die befragten Freelancer –: Es ist das Gespräch zwischen Tür und Angel, der Blick über die Schulter. Eben die Einbindung in Gesamtprozesse, bestimmte direkte Einblicke, das Berühren von Materialproben usw. – vor allem aber das echte Gespräch von Auge zu Auge.

Dr. Silvija Franjic

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