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Betrieb & Familie, Teil 1 : Flexibel ist besser

Die bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ist für die Unternehmen ein immer wichtigeres Thema. Beim Kampf um die besten Fachkräfte spielt das eine zunehmend wichtiger werdende Rolle.

Lesezeit 5 Min.
Eine Person träumt von den Freuden des Elternseins und stellt sich glückliche Momente mit einem Kind vor, vom Spielen mit einem Spielzeugauto bis zum Spaziergang mit einem Baby im Kinderwagen.

Die Anwerbung von Fachkräften wird oft leichter, wenn diesen entsprechende Angebote gemacht werden können. Aber auch beim Nachwuchs ist das Thema von Bedeutung. Zwar haben Auszubildende oder Studienabsolventen meist noch keine Familie, dafür haben sie aber klare Vorstellungen davon, wie sie Arbeit und Leben vereinbaren wollen. Die Einstellung der jungen Generation hat sich durchaus verändert. Der Job steht nicht mehr absolut im Vordergrund. Die Arbeit soll Spaß machen – aber wer kann schon andauernd Spaß vertragen? Gerade junge Beschäftigte können mit Angeboten wie Sabbaticals und flexibler Arbeitszeit oder mobiler Arbeit begeistert werden. Wer nicht nach dem Abitur für ein Jahr ins Ausland gehen konnte oder wollte, der findet vielleicht ein Sabbatical-Jahr zu einem späteren Zeitpunkt reizvoll.

Was können die Unternehmen tun?

Unternehmen, die das wollen, können auf ein ganzes Arsenal von familienfreundlichen Angeboten zurückgreifen. Neben den gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen wie Familienpflegezeit oder Elternzeit können weitere freiwillige Angebote das Portfolio ergänzen.

Wir hatten schon über die Möglichkeiten bei Erkrankung eines Kindes berichtet. In weiteren Folgen werden wir uns mit der Elternzeit und der Pflegezeit beschäftigen. Wichtig dabei ist aber, dass die Unternehmen die gesetzlichen Möglichkeiten als das ansehen, was sie sind: nämlich eine Chance in einem Gesamtangebot. Leider werden die gesetzlichen Angebote oft nur zähneknirschend akzeptiert – weil man eben muss.

Arbeitszeit flexibilisieren – Einstellungen verändern

Heute geht es aber im Schwerpunkt um die Flexibilisierung der Arbeitszeit. Familien mit Kindern haben ohnehin Probleme, ihren Nachwuchs adäquat unterzubringen, insbesondere, wenn Großeltern oder andere Angehörige nicht einspringen können oder wollen.

Die Öffnungszeiten vieler Kitas sind nicht gerade jobfreundlich. Wer vielleicht im Schichtdienst arbeitet, kennt diese Probleme zur Genüge. Aber auch wenn nicht: Manchmal ist es eben notwendig, die Arbeitszeit zu verlängern. Was aber, wenn die Kita pünktlich schließt oder eine verspätete Abholung des Kindes zu hohen.

„Strafzahlungen“ führt? Wie hoch ist dann die Bereitschaft des Mitarbeiters, Überstunden zu machen?

Die Unternehmen haben sich an die Flexibilität der Mitarbeiter gewöhnt und setzen diese meist einfach voraus. In anderen Ländern ist das durchaus anders. In Skandinavien etwa ist es völlig normal, wenn ein Vorstandsmitglied eine Sitzung pünktlich um 17.00 Uhr beendet und eine Fortsetzung auf den nächsten Tag verschiebt, weil es das Kind aus der Kita abholen muss. Bei uns hingegen wäre es die beste Grundlage für einen Karriereknick.

Es gibt also zwei Möglichkeiten für dieses Problem: entweder das Angebot einer flexiblen Kinderbetreuung – beispielsweise durch einen entsprechenden Betriebskindergarten – oder eine Veränderung der Einstellung. Mal ganz ehrlich: Wie oft kommt es vor, dass etwas wirklich unbedingt noch an diesem Tag erledigt werden muss? Bei einem Arzt im Krankenhaus, der gerade einen Patienten operiert und wenn dabei Probleme auftreten – klar, da gibt es oft keine Alternative. (Vielleicht könnte aber sogar hier ein Kollege ablösen?) Aber in den meisten Bereichen dreht sich die Welt auch weiter und das Unternehmen geht nicht bankrott, wenn die Arbeit erst am nächsten Tag erledigt oder abgeschlossen werden kann.

Ein weiterer Vorteil einer solchen veränderten Einstellung im Unternehmen: Die Mitarbeiter sind deutlich entspannter, empfinden weniger Stress und sind insgesamt zufriedener – was sich wiederum positiv auf die Bindung an das Unternehmen auswirkt. Wichtig dabei: Der Druck muss auch von den Führungskräften genommen werden, sonst können diese die geänderte Denkweise nicht umsetzen.

Die klassische Gleitzeit

Wo immer es organisatorisch möglich ist, sollten Unternehmen Beginn und Ende der Arbeitszeit den Beschäftigten überlassen. Natürlich muss es bestimmte Grundregeln geben, etwa damit Abteilungsmeetings möglich sind und der Kundenservice sichergestellt werden kann. Ansonsten aber sollte die Wahl der Arbeitszeit möglichst frei sein. Neben den oben geschilderten Problemen mit der Kinderbetreuung spielt auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass die Menschen sehr unterschiedlich ticken. Es gibt Eulen und Nachtigallen – was bedeutet, dass manche Menschen morgens früh am leistungsfähigsten sind, andere erst gegen Mittag zur Höchstform auflaufen, dafür aber bis spätabends leistungsfähig bleiben. Eine Frage des Biorhythmus.

Ständig gegen seinen eigenen Rhythmus arbeiten zu müssen, vermindert die Leistungsfähigkeit und kann sogar krank machen.

Die Zeit-Sparkasse

Gleitzeit für einen kurzfristigen Ausgleich von Mehrarbeit oder persönlichen Belangen ist das eine, das Ansparen von Arbeitszeit für eine längere Abwesenheit von der Arbeit etwas anderes. Schwieriger umzusetzen, aber für die Mitarbeiter eine sehr attraktive Form der Arbeitszeitgestaltung. Dabei können – je nach betrieblicher Vereinbarung – nicht nur Überstunden angespart werden, sondern auch Geldbeträge. Das kann ein Teil des laufenden Entgelts oder eine Einmalzahlung sein. Auch Urlaub, der über den gesetzlichen Mindesturlaub hinausgeht, kann auf ein Konto eingezahlt werden.

Steuer und Sozialversicherung haben entsprechende Regelungen geschaffen, so dass eine solche Möglichkeit für die Beschäftigten attraktiv ist. Die Unternehmen müssen das „Sparguthaben“ gegen eine Insolvenz sichern – das ist gesetzliche Vorgabe, um die Beschäftigten zu schützen.

Bleibt noch die organisatorische Frage. Klar ist, dass eine größere Entnahme aus dem Zeitkonto nicht plötzlich und ohne vorherige Absprache erfolgen kann. Die Hürden dürfen aber nicht zu hoch sein, damit die Mitarbeiter ihre Ansprüche durchsetzen können.

Für die flexible Arbeitszeit bietet sich eine Betriebsvereinbarung an, in der alle Regelungen verbindlich festgehalten sind. Dazu gehören insbesondere:

  • mögliche Quellen, aus denen das Sparguthaben gespeist werden darf, und die notwendigen Einschränkungen (z. B. gesetzlicher Mindesturlaub),
  • rechtzeitige Vorankündigung, wenn Zeitguthaben entnommen werden soll,
  • Einspruchsmöglichkeiten des Unternehmens,
  • Klärung von Streitfragen,
  • Sicherung des Guthabens gegen Insolvenz.

Bei rechtzeitiger Ankündigung sollten sich die Probleme, die sich durch eine längere Abwesenheit eines Beschäftigten ergeben, durchaus lösbar sein. Schließlich können Beschäftigte auch plötzlich wegen einer längeren Krankheit ausfallen – das muss auch aufgefangen werden und ist nicht vorher planbar!

Ein grünes Fragezeichen in der Mitte einer Denkblase, gefolgt von einer vertikalen Reihe kleinerer Kreise, die davon abgehen und eine Abfolge von Gedanken oder Ideen symbolisieren.

Mit gutem Willen auf beiden Seiten ist alles machbar. Wichtiger Faktor sind auch hier die Führungskräfte. Sie haben die organisatorischen Probleme zu lösen. Aber schließlich profitieren auch sie selbst von einem solchen Angebot. Sabbaticals werden gerade von jüngeren Mitarbeitern für längere Auslandsreisen genutzt – etwas, von dem durchaus auch das Unternehmen profitieren kann, denn auch heute noch gilt: Reisen bildet. Das gilt besonders für einen längeren Aufenthalt in einem fremden Land, einer anderen Kultur. Ganz nebenbei werden meist auch noch die Sprachkenntnisse verbessert oder erweitert.

Ältere Mitarbeiter nutzen ihr Sparguthaben eher für eine längere Familienzeit, um sich der Familie und den Kindern besser widmen zu können. Noch ältere Beschäftigte spekulieren auf einen früheren Abschied aus dem Arbeitsleben, ohne Abschläge bei der Rente hinnehmen zu müssen.

Jürgen Heidenreich

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