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Magazin : Die Traumfabrik : SAP-Tools

Alexandra BubaMagazin
Lesezeit 9 Min.

Bei der Softwarefirma SAP geht es derzeit vor allem um die Frage: Cloud oder nicht Cloud. Dabei ist die Firmenstrategie zu diesem Thema ganz klar: Cloud first. Die User allerdings sehen das differenzierter. Denn viele Firmen haben teuer für On-Premise-Technik bezahlt und erwarten, dass diese weiterentwickelt wird. Echte Investitionssicherheit gibt es aber momentan ohnehin kaum. Was morgen kommen könnte, zeigt vielleicht am ehesten ein Blick in die Welt der Science Fiction – und auf die Tech-Giganten in den USA.

Was verkaufen Softwareunternehmen heute? Vielen Menschen dasselbe, was ihnen Automobilhersteller bis vor kurzem und Zigarettenfabrikanten zu allen Zeiten gegeben haben: Emotionen und dabei immer auch ein bisschen heiße Luft. Google und Apple versprechen Komfort, und Businesssoftware verheißt Zukunft gepaart mit dem wohligen Gefühl, diese beherrschbar zu machen. Die Logik dazu ist eingängig: Robotisierung von Routine und Wissen durch Daten verschaffen den wesentlichen Vorsprung.

Im HR-Bereich spielt beides eine Rolle: Die Automatisierung von Standardprozessen steht bei den Payrollern ganz oben auf der Liste; das Schlagwort Big Data programmiert vielen Recruitern und Personalentwicklern ein reflexhaftes Lächeln ins Gesicht. Europas größtes Softwareunternehmen SAP hat beides im Gepäck und ist in Deutschland Marktführer bei Businesssoftware und HR-Lösungen. Um denselben Markt bewerben sich Interflex, ADP, Haufe-umantis oder Lumesse; bei Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern kommt zudem oft Datev zum Zug. On Premise oder Cloud In der Liga darüber ist die Frage nun nicht selten gar nicht SAP oder Nicht-SAP, sondern

On Premise oder Cloud.

Die Marktdurchdringung von SAP hat zum Beispiel Activate HR analysiert: Nach einer Studie des SAP-Beratungshauses nutzten im Sommer 2018 rund 70 Prozent der beteiligten Unternehmen SAP ERP HCM. Am zweithäufigsten wurde die SAP-Cloud-Lösung SuccessFactors eingesetzt (14 Prozent). Das bedeutet indes nicht, dass alle Nutzer mit der von ihnen eingesetzten Lösung zufrieden wären – in obiger Umfrage sind das 55 Prozent, ein Viertel der befragten Personalexperten ist zudem „sehr zufrieden“, während jeder fünfte Studienteilnehmer tatsächlich „unzufrieden“ ist. Woran das auch immer liegen mag – SAP hat jedenfalls erklärt, bis 2030 alle On-Premise-Nutzer von der Cloud-Lösung überzeugen zu wollen. Das ist aus Unternehmenssicht attraktiv, weil die Cloud so etwas wie die Ende-zu-Ende-Digitalisierung in der Wertschöpfungskette des Softwareherstellers darstellt: Als direkte Nabelschnur zum Kunden ohne obligatorischen Zwischenschritt über Systempartner bindet sie diesen dauerhaft, nachhaltig und umfassend.

Internet-Entwicklungsland Deutschland

Das gilt allerdings nur, wenn die Nabelschnur an ein flächendeckend ausgebautes Glasfaserkabelnetz andocken kann oder – besser – könnte, denn in diesem Punkt hat Deutschland immer noch erheblichen Nachholbedarf im Vergleich zu den meisten anderen westlichen Volkswirtschaften. Eine mangelhafte Internetverbindung ist auch 2019 noch eine Hürde für Unternehmen, die ihre eigene IT-Infrastruktur konsolidieren und nach und nach in professionelle Rechenzentren externer Unternehmen transferieren wollen. Allerdings sind fehlende Glasfaserkabel auf dem Land nicht das einzige Problem. Ebenso wichtig ist die offene Frage der Datenhoheit, wie eine Umfrage der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), in der 3.500 Kunden organisiert sind, beweist. Demnach nutzt die Hälfte (48 Prozent) der Firmen zwar Cloud-Lösungen für Marketing- und Vertriebszwecke, zögert aber, dies auch bei den Kernprozessen wie Finanzen oder Lieferketten zu tun. In diesen sensiblen Bereichen vertrauen sich und ihre Interna lediglich 10 Prozent der Kunden SAP und deren Cloud an.

Cloud bedeutet oft noch mangelnde Integration

Das, was die Walldorfer für HR in der Wolke im Angebot haben, sind im Wesentlichen eingekaufte Lösungen und keine Eigenentwicklungen. SAP übernahm erst im Jahr 2011 die bis dahin eigenständige Firma SuccessFactors für 3,4 Milliarden US-Dollar, drei Jahre später den Hersteller von Reise- und Reisekostenmanagement-Software Concur Technologies für 6,5 Milliarden Euro. Eine probate Strategie der Innovation von außen, die im Übrigen auch Mitbewerber Oracle fährt, der zuvor schon Taleo gekauft hatte, ein Unternehmen, das genauso wie SuccessFactors Cloud-Lösungen für Personalmanagement und Talent-Management anbot.

Die Kunden in den HR-Abteilungen betrifft die Tatsache, dass der Wettlauf um Innovation und das Angebot der Tools vor allem ein M&A-Markt ist, weil damit ein Ringen um Integration einhergeht. Selten gelingt echte Verflechtung schnell, oftmals arbeiten Schnittstellen holprig, zwei oder mehrere verschiedene Datenbestände laufen lange parallel. Was an der Oberfläche so aussieht, als greife es perfekt ineinander, tut es dahinter oftmals nicht.

Cloud Computing als neues Paradigma

SAP definiert sich selbst als Cloud-Konzern; wer dies heute tut, benötigt riesige Datenfabriken. Tools, Speicher und Rechenleistung aus der Cloud liegen ja genau nicht im Nichts oder der ätherischen Sphäre, sondern verschlingen im Gegenteil viel Platz, Material und Energie. Der findet sich in aller Regel nicht über den Wolken, sondern eher in bunkerartigen Gebäuden oder – wie in der Literatur – auch schon mal im finsteren Keller.

Anschaulich beschreibt dies Dave Eggers in seiner Internet-Dystopie „The Circle“, einem Bestseller aus dem Jahr 2013. Dort liegt die Zukunft der Datenwolken tief unter der Erdoberfläche. Unter dem mehrere Hektar großen Firmencampus aus Stahl, Glas und geballter Modernität befindet sich eine riesige Kammer, die von schwachem blauen Licht erhellt wird. Von einer Art großer Höhle – sie sollte ursprünglich als künftige U-Bahn-Station dienen – führt ein Tunnel weg. Dort, so die Vorstellung, könnten die künftigen Datenspeicher stehen. Alles tost und rauscht, nicht nur der nahe Pazifik, sondern auch die Wasserleitungen, denn die Daten müssen nicht nur gelagert, sondern die Prozessoren auch gekühlt werden. Noch ist der Tunnel leer, doch künftig könnte sich ein endloses Raster aus roten Stahlkästen bis zum Ende der Dunkelheit erstrecken.

Die echten, geheimen Datenspeicher In der wirklichen Welt der Datencenter, jedenfalls so wie sie in den Imagevideos der Internetgiganten aus Silicon Valley aussieht, dominieren dagegen Licht und Sauberkeit. Die Fassaden der realen Google-Rechenzentren im Süden der USA scheinen so übernatürlich glatt, die Geometrie so unbiegsam, als wäre der Campus in Minecraft konstruiert. Ins Innere dürfen nicht mal 1 Prozent der Google-Mitarbeiter, geschweige denn Externe. Tatsächlich müssen auch hier die Server gekühlt werden, der Energieaufwand ist gewaltig. Moderne Cloud-Anwendungen belegen riesige Speicherkapazitäten, und so gab Google im Jahr 2018 insgesamt neun Milliarden Dollar für den Bau von Datencentern und Büros aus, im laufenden Jahr sollen es 13 Milliarden werden. Geplant sind derzeit acht neue Datenspeicherstandorte, mit Schwerpunkt auf dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Cloud first…

Die Investition in Speicher muss sich irgendwann rechnen, nicht nur bei Google, sondern auch bei SAP. Nach Einschätzung des Marktforschers Gartner soll bis zum Jahr 2022 knapp ein Drittel (28 Prozent) aller IT-Ausgaben von Firmen in Cloud-Dienste fließen. Bei Anwendungssoftware, wie SAP sie entwickelt, sollen es in drei Jahren bereits schon 40 Prozent sein.

Die Cloud verändert die Geschäftsmodelle der Softwarehersteller und hebt sie vom Entwickler zum Betreiber von Lösungen und Plattformen, macht sie also vom landwirtschaftlichen Produktionsbetrieb zum autarken Luxusressort, das niemand mehr verlassen muss und will.

Für den Anwender kann das sehr bequem werden – solange er kein Problem mit der Macht eines anderen über seine Daten und Prozesse hat. Convenience ist es auch, die im „Circle“ schließlich dazu führt, dass sämtliche öffentlichen Verwaltungsaufgaben wie Führerscheinbeantragung, Wahlausübung oder Steuernzahlen über das privatwirtschaftliche Unternehmen, das dem Buch den Titel gab, abgewickelt werden. Das gelingt nicht allein, weil jenes die überlegene Technik besitzt, sondern vor allem auch über die größere Community von aktiven Nutzern verfügt, die es mit einer Vielzahl von Services für alle Lebenslagen über die Nabelschnur gebunden hat.

…oder Cloud only?

Das ist freilich finstere Science Fiction – doch die Frage nach dem Return on Investment bei der Entwicklungsleistung für Cloud-Dienstleistungen seitens der Softwareindustrie bleibt ebenso wie der ungeklärte Aspekt der Datenhoheit. Braucht es also bessere Verträge oder größeres Vertrauen?

Zuletzt waren bei SAP die Margen niedriger, als Aktionäre es erwarten; erst nach vier Jahren sind Mieteinnahmen im Cloud-Geschäft höher als Einnahmen aus dem Verkauf von Inhouse-Software, und ob das Gros der Kunden aus HR in die Wolke umziehen möchte, ist noch offen. Für viele Neuinvestitionen sei die Cloud die richtige Stoßrichtung, meinen jedenfalls die in der DSAG organisierten Kunden. Cloud first ja, aber Cloud only nein, so ihr Credo.

Integration als Schlüsselfaktor

Damit dies funktionieren kann, müssen die einzelnen Applikationen und Datenbestände miteinander interagieren. Das geht nur über öffentliche, standardisierte und dokumentierte Schnittstellen. Und das alles nützt nichts, wenn allein die Anwendungen über diese ineinandergreifen, da die Daten zentral bleiben, insbesondere im HR-Bereich. Sie müssen in semantisch kompatiblen Modellen erfasst und gespeichert werden – was bislang nicht der Fall ist. Sie sind aber die Voraussetzung dafür, dass es egal ist, wo die unterschiedlichen Daten lagern: im Unternehmen oder in der Cloud.

Sharing ist caring

Erst wenn es solche Modelle flächendeckend gibt, können Unternehmen ohne Funktionalitätseinbußen in ihren Anwendungen frei entscheiden, ob sie die Kontrolle über die sensibelsten Daten behalten oder abgeben wollen. Dass es gute Gründe dafür gibt, bestimmte Dinge nicht aus der Hand zu geben, und generell ein Gebot der Datensparsamkeit in Bezug auf personenbezogene Informationen gilt, legt nicht nur die viel gescholtene Datenschutzgrundverordnung nahe. Wer sich indes nicht auf Bürokratiemonster einlassen, sondern lieber in den Abgrund sehen möchte – voilà:

Im „Circle“ gilt der Grundsatz „Teilen ist heilen“: Beim Onboarding gibt es einen Medizincheck, bei dem ein Chip geschluckt wird, der fortan die Vitalfunktionen ununterbrochen misst und speichert. Was sich ganz unmittelbar wie eine Apokalypse des Totalitarismus liest, hat durchaus auch Positives: Die Gesundheitsinformationen sind öffentlich und damit weltweit in der Community bekannt; Forscher in fernen Ländern finden neuartige Krebsmarker; die Betriebsärztin warnt unmittelbar vor riskanten Lebensmitteln, eine Liste verbotener Mahlzeiten und Snacks in der Kantine inklusive. Daneben motiviert die permanente Performance-Messung während der Arbeitszeit samt digitalem Echtzeit-Feedback der Vorgesetzten die Circle-Mitarbeiter bis zur Berauschung. Alles möglich allein aufgrund der Gewinnung möglichst vieler Daten und deren vollständiger Öffentlichmachung.

Transparenz scheint Trumpf

In der Realität sind Performance-Tools oder Betriebliches Gesundheitsmanagement glücklicherweise an strikte Vorgaben gebunden. Allerdings ist längst nicht alles vollständig geklärt. Umso deutlicher sind dafür die Begehrlichkeiten: Gefragt, für welche HR-Prozesse ihr Unternehmen künftig neue oder zusätzliche Software einsetzen möchte, antworteten 61 Prozent der Befragten der Studie „hr-software aktuell 2018“ mit dem Bewerbermanagement, gefolgt vom Arbeitszeit- und Personalmanagement mit 44 Prozent. Fürs Performance-Management interessieren sich aber immerhin noch 30 Prozent. Wo hört hier die Privatheit auf und wo fängt das berechtigte Interesse des Arbeitgebers an?

SAP selbst wirbt ganz prominent auf seiner Website mit dem Versprechen von 32 Prozent weniger Mitarbeiterfluktuation dank unternehmensweiter Transparenz über Mitarbeiterverfügbarkeit und offene Stellen. Im Imagevideo zum Produkt SuccessFactors sprechen begeisterte HR-Verantwortliche aus der ganzen Welt von den Möglichkeiten „zehntausende Mitarbeiter weltweit im Blick zu behalten“, „den eigenen Beitrag an der Wertschöpfung im Unternehmen zu erhöhen“ und davon, ein „kontinuierliches Performance-Management betreiben zu können, um so Agilität zu gewinnen und sofort reagieren zu können“.

Zusammengenommen mit der Kritik der hiesigen SAP-Anwender- Community an der nicht gegebenen sicheren Konfiguration der Software bereits im Auslieferungszustand ohne Eingriff des Anwenders lässt dies erahnen, dass die Zukunft nicht ganz so beherrschbar ist.

Ungeachtet dessen also, was Hersteller verkaufen wollen, um ihren Return on Investment dauerhaft zu garantieren, muss die Frage sein, wofür wir zusätzliche und neuartige Software im Unternehmen in erster Linie benötigen: Brauchen wir mehr Komfort und Öffnung nach außen oder geht es darum, unser Wissen über uns und andere zu vergrößern? Wollen wir eine Qualität von Tools, wie wir sie aus der privaten Sphäre kennen, für mobiles Recruiting, Self-Service und Collaboration? Und wenn ja, was wollen wir damit erreichen? Der „Circle“ jedenfalls wirft auch die Frage auf, ob wir wirklich dafür geschaffen sind, alles zu wissen, oder ob unser Verstand möglicherweise nicht auf ein Gleichgewicht von Bekanntem und Unbekanntem justiert sein könnte.

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