Offener Brief
Die Jugend von heute
Wir haben jetzt eine Auszubildende oder auch Azubiene genannt. Oh Mann, das ist vielleicht eine Erfahrung: keine Lust zur Arbeit, schlechte Manieren und Widerworte bei jeder Gelegenheit. Als ich noch Lehrling war (damals hieß es noch so), gehörte da Bierholen genauso zum Ausbildungsinhalt wie das Saubermachen von Werkstatt und Büro. Unsere Azubiene wollte nicht mal zum Imbiss gegenüber gehen und für mich Gyros holen. Das sei eine ausbildungsfremde Tätigkeit, das müsse sie nicht machen. Als ich ihr mit meinen Erfahrungen aus meiner Lehrzeit kam, konterte sie: Deshalb habe es ja damals auch „Leerjahre“ geheißen. Sie habe aber das Recht auf eine qualifizierte Ausbildung. Ich war vielleicht entsetzt – wie sich die Zeiten geändert haben. Ich wollte ja keinen Streit und holte mir mein Essen selbst. Und fing dann an, diesen Artikel zu schreiben.

Nun lasse ich meine Texte immer – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – durch einen Plagiatsprüfer laufen. Man will ja keinen Ärger, auch wenn man kein Politiker ist und es sich nicht um eine Doktorarbeit handelt. Die Recherchemaschine machte mich dann schnell auf eine Übereinstimmung aufmerksam (ursprünglich stand hier eine andere Formulierung):
„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern, legt die Beine übereinander und tyrannisiert ihre Lehrer.“ Urheber dieses Zitats war der gute alte Sokrates (470 bis 399 v. Chr.).
Also hat sich seit über 2.000 Jahren nichts geändert? Das kann doch nicht angehen. Warum unterscheiden wir denn dann zwischen den verschiedenen Jugendgenerationen? Von B wie Babyboomer (da gehöre ich wohl zu) bis zu Z wie „Generation Z“. Danach kommt die Generation Alpha, dann Beta usw. Bei den letzten Generationen war man ja schlauer und hat gleich neutrale Begriffe gewählt – nicht wie bei den Corona-Varianten, die dann später umgetauft werden mussten.
Wenn ich ganz ehrlich bin – ein bisschen erkenne ich mich in unserer Azubiene wieder. Ich habe mich damals nur leider nicht getraut, bei ausbildungsfremden Tätigkeiten zu protestieren. Schließlich bin ich von meinen Eltern noch mit der Prämisse „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ in die Ausbildung geschickt worden.
Und Recht hat sie ja – die Ausbildungszeit beträgt zwar drei Jahre, aber für die vielen Inhalte und Fertigkeiten, die sie sich in dieser Zeit erarbeiten soll, ist das nicht so üppig viel Zeit. Die Anforderungen heute sind zugegebenermaßen doch ein wenig höher als zu meiner Zeit.
Nach dem etwas holperigen Start mit uns beiden ist es dann doch noch zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit gekommen. Gestern hat sie sogar einen – selbstgebackenen – Kuchen mitgebracht. Einfach so, ohne besonderen Grund. Es besteht also Anlass zur Hoffnung. Und als Unterstützung bei der Arbeit macht sie sich wirklich gut – eine echte Hilfe und Entlastung. Es fällt mir schwer, das zuzugeben, aber sie lernt schneller und hat eine bessere Auffassungsgabe als ich damals. Ein solches Talent sollte man wirklich nicht mit Botendiensten vergeuden. Hoffentlich bleibt sie noch lange in meiner Abteilung.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen tolle Azubis! Aber ich muss jetzt los, Gyros vom Imbiss gegenüber holen – für mich und meine Azubiene.
Ihr Felix, der Glückliche

