Neustart im Gesundheitsmanagement : Besser bewegt
Gesundheit ist, auch betriebswirtschaftlich, eines der höchsten Güter. Und doch starten wir Jahr für Jahr mit den gleichen guten Vorsätzen. Genau jetzt sollten sich Unternehmen fragen, wohin die „Employee Health Journey“ der Zukunft führen muss. Reicht der bisherige Fokus, oder braucht es mehr Bewegung in neue Richtungen? Und wie weit kommen wir ohne holistische Ansätze, die echte Wirksamkeit und einen wirklichen Aufbruch ermöglichen?
Mehr Prävention als Reaktion?
Wie es in dem Gesundheitssystem dieses Landes üblich ist, so dominieren auch in vielen Unternehmen nach wie vor nachgelagerte Reparaturmechanismen. Wir korrigieren gesundheitliche Probleme meist erst im Nachhinein, obwohl die kostengünstigste und wirksamste Lösung darin bestehen würde, früher und strategischer einzusetzen. Entscheidend ist, die richtigen Mechanismen zu etablieren, um Gesundheit nachhaltiger, vorausschauender und umfassender zu fördern – statt mit ein paar allgemeinen Behelfsmaßnahmen an oberflächlichen Symptomen herumzudoktern. Natürlich geht es auch weiterhin darum, individuelle Bedürfnisse ernst zu nehmen. Aber das allein reicht nicht.
Rundum proaktiv?
Es sollte immer auch gleichrangig um systemische Faktoren gehen, die zu einer immer besseren Gesamtgesundheit mit einem Rundum-Angebot für alle und so zu einem besseren Befinden mit positiver Auswirkung auf den allgemeinen Arbeitseinsatz führen. Was immer noch zu sehr in den Köpfen steckt, ist der verdrehte wirtschaftliche Ansatz mit dem starren Hauptfokus auf die Kosten- statt auf die (langfristige) Nutzenseite. Was es braucht, ist eine proaktive Risikoprävention und eine gute, gezielte und maßgeschneiderte reaktive Intervention im Bedarfsfall.
Gesunde Quote?
Gerade durch die Homeoffice-Wende wird die Präsenz wieder zum Leistungsfaktor hochstilisiert. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass auch krankheitsbedingte Abwesenheitsquoten eine höhere Bedeutung haben. Wenn Mitarbeiter sich gut aufgehoben und wertgeschätzt fühlen, sind sie eher bereit, sich selbst und ihr Unternehmen zu verbessern – da ist der Erfüllungsort nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor. Präsentismus bedeutet bei weitem nicht „gesunde Produktivität“
Besser (ein-)fühlen?
Natürlich gibt es immer auch Tage, an denen man einfach nicht sein Bestes geben kann. Das kann zum einen körperliche Gründe haben, ebenso aber Gründe, welche mit der psychischen Gesundheit, der geistigen Gesundheit oder der sozialen Funktionsfähigkeit zusammenhängen. Es ist wichtig, ganzheitlich darüber nachzudenken, was einen Mitarbeiter in die Lage versetzt, zu 100 Prozent gesund zu sein. Darauf haben einige Dinge und Faktoren einen Einfluss, wie den Sinn in der Arbeit zu sehen oder ein Zugehörigkeitsgefühl zu haben. Natürlich ist das nicht jedem gleich wichtig, aber Fragen wir Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit gewinnen an Bedeutung, gerade bei den Jüngeren.
Gesunde Einflüsse?
Einen großen Stellenwert hat längst die Flexibilität erlangt, ebenso wie auch das selbstbestimmte Maß an Autonomie. An Bedeutung gewinnt ein Umfeld, welches die möglichen Faktoren psychischer Gesundheit berücksichtigt – es ist also der multidimensionale Ansatz, der auch im Gesundheitsmanagement zum Gesamterfolg beiträgt.
Blinder Fleck?
Gerade die jüngeren Generationen geben im Vergleich zu den ältesten Generationen eher ein geringeres Wohlbefinden an, wenn man sie befragt. Bei ihnen hat die ganzheitliche Gesundheit einen höheren Stellenwert, welche eben nicht nur die körperliche Gesundheit umfasst, sondern deutlich darüber hinausgeht. Gleichzeitig fühlen sie sich näher am Burnout. Ob es daran liegt, dass Ältere sich für resilienter halten durch bewältigte Krisenerfahrungen, oder ob sie ihre Grenzen weniger „gesund“ ziehen, sollte wohl genauer betrachtet werden.
Einfach ein „Gesundheitsprogramm“?
Was letztlich zählt, ist vor allem die ganzheitliche Gesundheit der Mitarbeiter – nicht nur ihre körperliche, sondern auch ihre geistige, soziale und emotionale Gesundheit. Ein echtes betriebliches Gesundheitsmanagement greift tiefer und bewegt mehr – nicht „nur“ durch Firmenläufe, freie Fitness-Abos oder Familienprogramme oder gar gemeinsame Firmengemeinschaftsversicherungen. Erreicht werden sollten der Einzelne und alle doch auch auf eine „gleich gute“, „gerechte“ und vor allem effektive Weise. Das ist sicherlich nicht einfach, aber es lohnt sich – letztlich ja wirtschaftlich, wenn sich auch nicht immer alles messen und in Kennziffern abbilden lässt.
Einfach umsonst?
Unpaid Carework ist nach wie vor eine ziemlich große (arbeits-)gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, die gerade die kommenden Elterngenerationen vermehrt thematisieren und anprangern. Das gleiche Augenmerk sollten pflegende „Kinder“ mittleren Alters erhalten. Gesundheitsgefährdende Einflüsse können durch (extrem) anspruchsvolle Pflegesituationen entstehen. Die Stärkung des Themas Mental Health gelingt sicher nicht (ausschließlich) durch einzelne Aktionstage oder das „Einbauen“ von ein paar sporadischen Entspannungsmöglichkeiten – irgendwie reingezwängt zwischen die sonst stressigen Arbeitsphasen. Anregungen und Möglichkeiten zu geben, viel Entspannung und Erholung außerhalb der Arbeitszeit und im Gesamtlebensumfeld zu verschaffen, sollten den gesamtheitlichen Ansatz verstärken.
Sag es doch?
Das Talent und das Bewusstsein, seine (gesundheitlichen) Bedürfnisse zu äußern, ist unter Umständen auch ein Thema der Sozialisierung und des Intellekts. Außerdem neigt man wohl unterbewusst auch dazu, Berufen mit hoher intellektueller Beanspruchung auch einen größeren Grad an möglicher mentaler Belastung und geistiger Anstrengung zuzuschreiben. Das Reden über die mentale Gesundheit ist nach wie vor für viele ungewohnt. Aber es ist essenziell, vor allem dann, wenn Menschen drohen, auszubrennen – ob die Ursache nun im Arbeitsumfeld liegt oder nicht. Dazu können einfache, anonyme Team-Umfrage zum Stresslevel bereits viel über die Stimmung im Team verraten, ohne dass einzelne Personen fürchten, zu schnell zu viel offenlegen zu müssen. Psychologische Sicherheit ist generell immer noch ein viel zu unterschätzter Faktor.
An alle(s) gedacht?
Zudem zeigt sich, dass es altersspezifische Vorlieben gibt bei den Gesundheitsangeboten. Während Jüngere Sportangebot bevorzugen, würden ältere Mitarbeiter lieber die gemeinschaftliche Zahnzusatzversicherung in Anspruch nehmen und Vorteile des Gruppentarifs nutzen. Gerade Betriebe mit kleineren Teams und höherer Fluktuation stehen da vor der Herausforderung, alle „unter eine Hut zu bringen“, für konstante und zuverlässige Angebote (aus Apps) zu sorgen und dabei einen konsequenten und zielführenden Plan zu verfolgen und einzuhalten. Am Ende gestaltet sich das allzu oft gerade mal als eine Umsetzung einer Art Bonus – mit einer kleinen gesundheitsfördernden Komponente, ohne echte und nachhaltige Zielverfolgung.
Fazit
Insgesamt könnte weiter noch mehr über die verschiedenen Positionen in den unterschiedlichen Branchen nachgedacht werden und darüber, ob die bereits eingesetzten Maßnahmen zu großen Unterschieden führen können. Berufsgruppenspezifische Angebote bleiben von Bedeutung, ebenso gilt es aber, die verschiedenen Generationen am richtigen Punkt mit den entscheidenden Themen abzuholen.
Dr. Silvija Franjic, Jobcoach und Fachredakteurin



