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KI in der beruflichen Bildung : „Wir sind auf einem guten Weg“

Künstliche Intelligenz (KI) fließt sukzessive in alle schon digital zugänglichen Arbeits- und Lebensbereiche ein und spielt mittlerweile auch in der beruflichen Bildung eine Rolle – oftmals allerdings noch im Pilotstadium. Das hat in erster Linie keine rechtlichen, sondern ressourcenbezogene Gründe.

Lesezeit 5 Min.

Doch das Potenzial ist groß, die Entwicklung wird fortschreiten. Die Bildungsforscherin Dr. Claudia Zaviska, Projektleiterin am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), sieht vor allem in der individuellen Lernbegleitung einen hohen Nutzen des KI-Einsatzes in der beruflichen Bildung.

Frau Dr. Zaviska, was ist der größte Unterschied zwischen klassischer beruflicher Bildung und solcher, die auch KI einsetzt?

Wir hatten seit den 70er Jahren eine lineare Entwicklung mit immer mehr digitalen Bezügen in der beruflichen Bildung, denken Sie etwa an die 2000er Jahre, als die ersten Blended Learning-Modelle aufkamen. Mit der Verbreitung von generativer KI hat die Dynamik nun immens zugenommen: KI birgt einerseits ein riesiges Potenzial, sorgt aber andererseits auch für Unruhe und erfordert eine Risikofolgenabschätzung, Letzteres insbesondere aufgrund des AI Acts der Europäischen Union.

Wo wird der AI Act der Europäischen Union, der den Einsatz von KI mit verschiedenen Pflichten auch für Nutzer verknüpft, zum kritischen Faktor im Hinblick auf die berufliche Bildung?

Insbesondere wenn Bildungsempfehlungen aufgrund von Nutzerdaten generiert und auf dieser Grundlage ausgesprochen werden. Generell gilt: Sowohl die Anbieter als auch die Lernenden müssen sich die Grenzen vergegenwärtigen und dies transparent machen. Das gilt insbesondere immer dann, wenn sensible Daten im Spiel sind, und auch schon heute aufgrund der Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO).

Da sind wir schon mitten in den Anwendungsfällen – welche Rolle spielt denn KI heute überhaupt in der beruflichen Bildung?

Wir sehen schon seit einiger Zeit Ansätze wie Bildung 4.0 oder virtualisierte Lernumgebungen etwa im Handwerk. Es gibt insbesondere in der Ausbildung heute schon überbetriebliche Bildungsstätten wie Lernfabriken oder im Pflegebereich die Integration von Robotern. Vieles ist allerdings noch auf Pilotebene, und oftmals gelingt es nicht, einzelne Projekte auch in die Fläche zu übertragen.

Deutlich wird dabei außerdem ein Gap: Denn während etliche, vor allem größere Unternehmen hier schon weit sind, haben kleinere oftmals gar nicht die personellen und finanziellen Ressourcen dafür. Allerdings spielt nicht nur die Organisationsgröße eine Rolle, sondern auch das Engagement und die persönliche Affinität der handelnden Personen.

Wie könnte die Rolle von KI in der beruflichen Bildung der Zukunft aussehen?

Ich sehe in zwei Bereichen Einsatzmöglichkeiten: Das ist zum Ersten die Bewältigung großer Datenmengen, insbesondere bei der Suche nach Weiterbildungsangeboten. KI kann helfen, die heute unüberblickbare Fülle der Angebote zu bündeln, und bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Fortbildungen aufzuzeigen. Das lässt sich auch datensparsam bewerkstelligen, zum Beispiel wenn jemand nur Zielvorstellungen eingibt: Er möchte den Meister im Bereich XY machen, hat bereits diese oder jene Berufserfahrung und bestimmte andere Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen.

Der zweite Bereich ist die interne Personalentwicklung: Hier geht es oft darum, vorab Kompetenzen zu ermitteln, das ist mit KI einfacher zu bewältigen. Der letzte und nicht zu vernachlässigende Aspekt ist die individuelle Lernbegleitung – wichtig vor allem für lernentwöhnte Personen. Es gibt zwar noch keine belastbaren Studien, aber wir haben Hinweise darauf, dass Letzteres die Abbruchquote senken und die Lernmotivation steigern würde.

Was davon halten Sie für die wichtigste Anwendungsmöglichkeit?

In jedem Fall die individuelle Lernbegleitung etwa über Chatbots. Hier liegt das größte Potenzial für einen größeren Bildungserfolg, was ja letztlich das Ziel ist. Wer vorgeben kann, ob er sich lieber Videos ansieht oder Texte liest, wer sich – zumindest gefühlt – mittels eines virtuellen Lernbegleiters nicht allein motivieren muss, lernt besser. Wir haben hier zum Beispiel im Rahmen des BMBF Innovationswettbewerbs INVITE mit einem KI-basierten Chatbot namens „Study Buddy“ experimentiert.

Sehen Sie auch Grenzen für KI in der Bildung?

Neben der Berücksichtigung der rechtlichen Aspekte sind das insbesondere ethische Fragen. So gibt es KITools, die den individuellen Lernerfolg prognostizieren. Wenn der Algorithmus nun allein basierend auf dem Abschneiden bei einem Einstiegstest – in dem ich vielleicht nur wenige Fragen richtig beantworten konnte – meinen voraussichtlichen Erfolg als eher unwahrscheinlich einschätzt, dann führt das nicht zum Ziel. Wir brauchen immer eine Rückkopplung zur didaktischen Sinnhaftigkeit in analogen Lehr-/Lernsettings, sprich zwischen Lehrenden und Lernenden. Idealerweise arbeiten deshalb Bildungsfachleute und Techniker bei der Entwicklung eng zusammen – was teilweise passiert, wie wir an aktuellen Förderprogrammen im Berufsbildungsbereich wie INVITE ablesen können.

Welche Voraussetzungen sind seitens der Organisationen notwendig, um diese Potenziale ausschöpfen zu können?

Wichtig ist die Professionalisierung der Lehrenden sowie der Lernenden, beide benötigen KI-Kompetenz im aufgeklärten Umgang mit digitalen Medien. Das erfordert am Ende Qualifizierung, vielleicht perspektivisch sogar für alle Beschäftigten vergleichbar mit heute schon verbindlichen Maßnahmen zum Brand- oder Arbeitsschutz, was etwa den AI Act angeht.

Was wird heute Ihrer Ansicht nach eher unterschätzt, wenn Unternehmen und Bildungsanbieter über den Einsatz von KI nachdenken?

Viele bedenken nicht, dass trotz Open Source und so weiter KI nie kostenneutral sein wird: Denn es bedarf immer noch mindestens eines Menschen, der die Daten nachpflegt. Das beginnt ganz simpel mit Metadaten, etwa einheitlichen organisatorischen Angaben auf Lernplattformen wie Ort oder Uhrzeit, und reicht bis tief in die Inhalte von Bildungsangeboten hinein.

Was raten Sie den HR-Abteilungen und Bildungsanbietern heute im Hinblick auf ihren gegenwärtigen, konkreten Umgang mit KI?

Letztlich kann man den Zug weder aufhalten noch ignorieren, mein Rat im Hinblick auf die rechtlichen Aspekte ist zunächst einmal: Unternehmen sollten ihre eigenen KIs sowohl als Arbeitsmittel als auch als Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen entwickeln. Daneben braucht es wirklich Mut: Wir müssen experimentieren und auch Konzepte wieder verwerfen können. Hier empfehle ich, auf interdisziplinäre Teams zu setzen.

Aber auch im Hinblick auf die persönliche Haltung lohnt es sich, unterschiedliche Persönlichkeiten und Perspektiven zusammenzubringen. Denn es gibt sie ja, die Enthusiasten auf der einen und diejenigen, die skeptisch sind, auf der anderen Seite. Meiner Erfahrung nach sind es aber oftmals vor allem Letztere, die die spannenden Fragen stellen, die das Ganze dann weiterbringen.

Wo stehen die Beteiligten Ihrer Meinung nach im Moment?

Die Tec-Szene ist sehr offen, und auch die Bildungsanbieter sollten sich öffnen. Die Hochschulen sind in Teilen weiter als die berufliche Bildung, was ich aber nicht problematisch finde, wir haben ja keinen Wettbewerb. Ich finde das Tempo in der beruflichen Bildung in Anbetracht der Komplexität der Akteurskonstellation angemessen. Wir haben aus technologischer Perspektive alles, was wir benötigen, und dürfen das jetzt didaktisch anreichern und experimentieren. Wenn wir selbst es nicht tun, machen es vielleicht andere – und das womöglich nicht mit derselben Sensibilität.

Dr. Claudia Zaviska arbeitet am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Bereich „Innovative Weiterbildung, Durchlässigkeit, Modellversuche“. Der promovierte Erziehungswissenschaftler leitet unter anderem das Projekt INVITE, eine digitale Plattform für die berufliche Weiterbildung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexandra Buba, M. A., Wirtschaftsredakteurin

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