Stier meint …!
Es gibt Themen, bei denen man schon nach der ersten Überschrift ahnt, dass daraus in Deutschland eine Grundsatzdiskussion wird. Das Oktoberfest gehört definitiv dazu. Bier, Brezn, Blasmusik – und mittlerweile offenbar auch europäisches Vergaberecht.

Ein Münchner Wirt wollte ernsthaft erreichen, dass die großen Wiesnzelte europaweit ausgeschrieben werden. Ich musste den Satz tatsächlich zweimal lesen. Europaweite Ausschreibung für das Schottenhamel-Zelt. Man stellt sich sofort die erste EU-weite Bewerberrunde vor. Vielleicht ein spanischer Tapas-Gastronom mit innovativem Sangria-Konzept. Oder ein holländischer Eventmanager mit veganem Bio-Pflichtprogramm und alkoholfreiem Craft-Bier.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Wettbewerb ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber manchmal fragt man sich schon, ob wir in Deutschland eigentlich noch merken, wann Tradition endet und Bürokratie beginnt.
Die Vergabekammer Südbayern hat den Antrag jetzt erst einmal abgelehnt. Begründung: Die Stadt München hat gegenüber den Wirten keinen einklagbaren Anspruch auf den Betrieb der Zelte, also greift das europäische Vergaberecht hier nicht. Juristisch mag das kompliziert klingen. Übersetzt heißt es eigentlich nur: Das Oktoberfest ist eben nicht irgendein Dienstleistungsauftrag wie die Beschaffung von Büromöbeln.
Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber. Denn manchmal entsteht der Eindruck, wir wollten inzwischen wirklich alles normieren, ausschreiben, regulieren und europäisieren. Als würde jede jahrzehntelang gewachsene Struktur automatisch verdächtig, sobald sie nicht in eine Vergabemaske passt.
Natürlich geht es am Ende auch um viel Geld. Sehr viel Geld sogar. Die großen Zelte auf der Wiesn sind keine kleinen Familienfeiern, sondern hochprofessionelle Wirtschaftsunternehmen mit enormen Umsätzen. Dass dort Begehrlichkeiten entstehen, überrascht nicht. Wo Geld verdient wird, entstehen Interessen. Das war früher so und wird auch so bleiben.
Aber genau deshalb muss man trotzdem nicht jede Tradition komplett auf links drehen.
Das Oktoberfest lebt nicht nur vom Bier. Es lebt von Geschichte, Wiedererkennung und Identität. Die Menschen gehen dort hin, weil sie genau dieses Gefühl suchen. Das Vertraute. Das Gewachsene. Die Mischung aus Ritual, Wahnsinn und bayerischer Gemütlichkeit. Niemand fährt auf die Wiesn und denkt zuerst an europäische Ausschreibungsverfahren.
Mich erinnert die Diskussion ein wenig an unsere Zeit insgesamt. Alles wird permanent hinterfragt. Bewährtes reicht oft nicht mehr aus, weil irgendwo jemand eine neue rechtliche Möglichkeit entdeckt hat. Und sofort beginnt die große Diskussion darüber, ob man nicht alles ganz anders machen müsste.
Vielleicht bin ich da tatsächlich etwas altmodisch. Aber ich finde, nicht jede Tradition braucht ein Update. Manche Dinge funktionieren gerade deshalb, weil sie gewachsen sind und nicht jedes Jahr neu erfunden werden.
Das heißt natürlich nicht, dass es keine Regeln geben darf. Transparenz ist wichtig. Fairness auch. Aber zwischen sinnvoller Kontrolle und völliger Bürokratisierung liegt eben noch ein Unterschied.
Besonders faszinierend finde ich dabei immer die deutsche Leidenschaft, aus wirklich allem ein Verfahren zu machen. Früher hat man vermutlich einfach gefragt: „Kann der Wirt das?“ Heute prüfen wir zusätzlich europäische Konzessionsrichtlinien, Wettbewerbsfragen und Beschwerdefristen bis zum Bayrischen Obersten Landesgericht. Wahrscheinlich braucht der erste Maßkrug bald noch eine Datenschutzbelehrung.
Und trotzdem zeigt die ganze Geschichte vor allem eines: Wie sehr wir inzwischen dazu neigen, alles juristisch bis an die letzte Grenze auszureizen. Nicht weil etwas schlecht läuft, sondern weil es theoretisch anders laufen könnte.
Vielleicht sollten wir manchmal einfach akzeptieren, dass nicht alles optimiert werden muss. Dass Tradition auch einen Wert hat. Und dass ein Oktoberfestzelt am Ende vielleicht doch mehr ist als nur eine Dienstleistungskonzession mit Bierausschank.
Denn wenn irgendwann europaweit das Schottenhamel ausgeschrieben wird, dann Prost Mahlzeit.
Markus Stier


