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Stier meint…! Warum wir verlernt haben, Unsicherheit auszuhalten

Ein Wal vor Poel zeigt, wie radikal unsere Diskussionskultur geworden ist. Warum haben wir verlernt, Unsicherheit auszuhalten und anderen Meinungen Raum zu geben?

Kolumne
Lesezeit 4 Min.
Wal und Mensch im Größenvergleich – Symbol für Diskussionskultur und Perspektive
Foto: © stock.adobe.com/Lesri

Warum wir alle plötzlich Experten sind

Manchmal reicht ein einziger Wal, um uns mehr über uns selbst zu erzählen als jede Talkshow. Da liegt dieses Tier vor Poel, kämpft sich frei, strandet wieder, treibt, wartet. Und während der Wal einfach nur versucht, in seinem Element zu überleben, drehen wir Menschen komplett auf.

Ich sitze hier und schreibe diese Zeilen und frage mich ernsthaft: Wo kommt eigentlich diese plötzliche Schwarm-Expertise her? Innerhalb weniger Stunden scheint jeder zweite zu wissen, was jetzt zu tun ist. Retten, nicht retten, eingreifen, nicht eingreifen. Ich gebe offen zu: Ich weiß es nicht. Mir fehlt die fachliche Grundlage. Ich kann nicht beurteilen, ob eine Rettung sinnvoll ist oder ob man das Tier in Ruhe lassen sollte. Aber genau dieses Nichtwissen halte ich aus. Und vielleicht ist genau das heute das eigentliche Problem.

Denn kaum passiert etwas, das Aufmerksamkeit erzeugt, entstehen sie wie von selbst: die Experten. Innerhalb kürzester Zeit weiß plötzlich jeder, was zu tun ist. Retten, nicht retten, eingreifen, nicht eingreifen. Und zwar mit einer Sicherheit, die beeindruckend ist. Oder besser gesagt: irritierend.

Von der Diskussion zur Positionierung

Wir diskutieren nicht mehr. Wir bewerten. Sofort. Endgültig. Schwarz oder weiß. Richtig oder falsch. Unsere Meinung steht fest, und wer sie nicht teilt, liegt daneben. Es geht nicht mehr um Austausch. Es geht um Positionierung. Und möglichst laut.

Der Wal ist dabei nur ein Beispiel. Ein sehr sichtbares, sehr emotionales Beispiel. Aber das Muster kennen wir aus allen Themen unserer Zeit. Energie, Migration, Klima, Politik. Wir stehen zu unseren Meinungen. Und zwar nicht nur überzeugt, sondern zunehmend radikal. Die Fähigkeit, eine andere Sichtweise einfach mal stehen zu lassen, scheint uns abhandengekommen zu sein.

Selektive Wahrnehmung: Wir hören, was wir hören wollen

Beim Wal zeigt sich das besonders deutlich. Jeder fühlt sich bemüßigt, seinen Standpunkt als den einzig richtigen darzustellen. Wenn man sich dabei noch auf einzelne Fachleute berufen kann, wirkt das gleich noch fundierter. „Die sagen das ja auch.” Aber alle die? Wirklich alle? Oder picken wir uns nicht genau die Stimmen heraus, die zur eigenen Meinung passen?

Respekt für die, die handeln

Und dann sind da die, die handeln. Die plötzlich auftauchen, helfen wollen, Entscheidungen treffen, Geld in die Hand nehmen, Verantwortung übernehmen. Ob das am Ende richtig ist, weiß ich nicht. Aber sie tun etwas. Sie warten nicht auf die perfekte Lösung. Sie handeln, auch auf die Gefahr hin zu scheitern. Und allein dafür verdienen sie Respekt. Denn nichts zu tun, wäre am Ende auch eine Entscheidung.

Warum sind wir so unentspannt geworden?

Ich bin darüber nicht nur verwundert, sondern zunehmend verärgert. Warum sind wir so unentspannt geworden? Warum fällt es uns so schwer, Unsicherheit auszuhalten? Warum haben wir verlernt, einfach mal zu sagen: Ich weiß es nicht?

Und während wir uns in diesen Diskussionen verlieren, passiert etwas, das ich fast noch problematischer finde. Menschen, die helfen wollen, werden angegriffen. Beleidigt. In Frage gestellt. Ein Minister wird beschimpft, weil er eine andere Entscheidung trifft. Andere, die sich engagieren, werden öffentlich auseinandergenommen. Was ist das für ein Umgang? Wo bleibt hier unsere klare Haltung?

Die Rolle der Medien in der Dauererregung

Und natürlich sind die Medien Teil dieses Systems. Live-Ticker, Dauerschalten, jede Bewegung wird zur Nachricht. Der Druck ist da, nichts zu verpassen. Aufmerksamkeit ist die Währung. Und der Wal liefert. Aber auch das trägt dazu bei, dass aus einem Tier ein Dauerereignis wird, das wir permanent kommentieren müssen.

Der Wal als Symbol unseres Handelns

Dabei übersehen wir vielleicht das Wesentliche. Dieser Wal ist kein Zufall. Er ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Ein Symbol für unseren Umgang mit Natur. Für den Raubbau, den wir betreiben. Für die Tatsache, dass sich nicht der Wal falsch entwickelt hat, sondern wir seinen Lebensraum verändert haben. Er ist kein Störfaktor. Er ist ein Ergebnis unseres Handelns.

Und genau das sollten wir uns vielleicht einmal bewusst machen, bevor wir erneut mit Besserwissen und Beschimpfungen reagieren.

Deutschland, was ist los mit dir?

Angela Merkel hat einmal gesagt: „Dann ist das nicht mehr mein Land.” Ich frage mich in diesen Tagen tatsächlich: Deutschland, was ist los mit dir?

Wo ist unsere Gelassenheit geblieben? Wo die Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten? Wo der Respekt im Umgang miteinander? Vielleicht wäre genau jetzt der richtige Moment, einmal innezuhalten. Weniger zu wissen. Weniger zu urteilen. Und mehr zuzuhören.

Dem Wal wird es wahrscheinlich nicht mehr helfen. Aber uns vielleicht schon. Danke Timmy!

Markus Stier sitzt auf einem Stuhl und zwischen seinen Beinen sitzt sein schwarzer Labrador Götz.
Markus Stier

Ihr
Markus Stier

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