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Testgelände : Die Zeitarbeit im Wandel

Der deutschen Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus; das ist an sich nichts Neues, verschafft aber der Branche der Personaldienstleister Zugang zu einer erweiterten Rolle. Dabei wird insbesondere die Zeitarbeit zum Recruiting-Instrument — solange die Konjunktur läuft.

Alexandra BubaFokus
Lesezeit 5 Min.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, schreibt Schiller, und weiter: Der Wahn ist kurz, die Reu´ ist lang. Das können und wollen sich Betriebe verständlicherweise nicht leisten und immer weniger im Übrigen auch die Arbeitnehmer. Ein Gutteil von Letzteren hat derzeit glänzende Perspektiven dank des boomenden Arbeitsmarktes; um solide ausgebildete und erfahrene Fachkräfte konkurrieren die Unternehmen ebenso wie um als High Potentials erkannte Schul- und Hochschulabgänger. Neben diesen begehrten Kräften gibt es aber auch eine Gruppe von Arbeitnehmern und potenziellen Angestellten, die für einen festen Arbeitsvertrag zunächst einmal als Risiko gelten — und nicht die erste Wahl der Unternehmen darstellen. Aber in der Hochkonjunktur werden auch sie dringend benötigt.

Auf dem ersten Arbeitsmarkt weniger gefragte Kräfte rücken in die Betriebe vor allem über Zeitarbeit auf. Eben dieses Phänomen galt lange Zeit als das schlagende Argument gegen die Kritiker, die den Grundtenor der „Lohnsklaven“ anschlugen. Allerdings klang diese Argumentation nicht immer überzeugend, da sie bereits zu einer Zeit vorgetragen wurde, als diese Praxis erstens noch viel weniger verbreitet und zweitens weit weniger dringlich war als heute.

Zeitarbeit immer wichtiger als Recruiting-Instrument

Dazu beigetragen, dass Zeitarbeit tatsächlich zum Testgelände für Unternehmen und potenzielle Stammmitarbeiter wird, hat nicht zuletzt die jüngste Gesetzesänderung aus dem Jahr 2017. Seither gilt, dass Leiharbeitnehmer nach neun Monaten grundsätzlich den gleichen Lohn wie die übrigen Mitarbeiter erhalten müssen und die Höchstüberlassungsdauer grundsätzlich maximal 18 Monate beträgt.

Obwohl die Beschäftigungsform „Zeitarbeit“ in der öffentlichen Diskussion einen so breiten Raum einnimmt, ist ihr Anteil gemessen an der Zahl aller Beschäftigten in Deutschland nach wie vor gering: Lediglich 1,04 Millionen Leiharbeitnehmer standen im gleitenden Jahresdurchschnitt Juli 2017 bis Juni 2018 rund 37,53 Millionen Beschäftigten insgesamt gegenüber. Das ergibt sich aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

Unterschiede zwischen den beiden Gruppen Leih- vs. normale Arbeitnehmer offenbaren sich nicht nur bei der Bezahlung, sondern auch in struktureller Hinsicht. So sind Leiharbeitnehmer häufiger in Vollzeit beschäftigt — dieser Anteil beträgt 78 Prozent im Vergleich zu 63 Prozent bei allen Beschäftigten. Außerdem sind sie häufiger sozialversicherungspflichtig und seltener geringfügig tätig — eine Tatsache, die Kritiker aufhorchen lassen könnte. Die prozentualen Quoten betragen hier 7 respektive 13 Prozent.

Schwerpunkt in der Produktion

Der größte Teil aller Zeitarbeitnehmer ist in der Produktion beschäftigt — 42 Prozent arbeiten hier. Zweitwichtigste Gruppe sind die sogenannten sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungsberufe. Es folgen qua amtsstatistischer Differenzierung „personenbezogene wirtschaftliche Dienstleistungen“ mit 13 Prozent und kaufmännische solche mit 11 Prozent. Im Segment Ingenieurwesen oder naturwissenschaftliche Dienstleistungen arbeiten nur 2 Prozent oder 22.000 entliehene Kräfte.

Tatsächlich ist das Qualifikationsniveau der Zeitarbeitnehmer — wie es dieser Befund bereits indiziert — signifikant geringer als das der Beschäftigten insgesamt. So sind 55 Prozent der Leiharbeitnehmer Helfer, während bei den Beschäftigten insgesamt nur 20 Prozent auf dieser Stufe stehen und hier stattdessen die Fachkräfte mit 57 Prozent die größte Personengruppe stellen. Nichtsdestotrotz sind auch bei den Leiharbeitnehmern 4 beziehungsweise 5 Prozent als Experte respektive Spezialist — die beiden höchsten Qualifikationsstufen in der Statistik der Bundesagentur — ausgewiesen.

Keinen Berufsabschluss hat indes ein knappes Drittel der Leiharbeitnehmer, während dies bei der Gesamtzahl der Beschäftigten lediglich auf 16 Prozent zutrifft. Das Qualifkations- und Bildungsniveau ist in der Zeitarbeitsbranche geringer, der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer dafür aber deutlich höher: Sie stellen rund ein Drittel aller Zeitarbeiter in Deutschland — im Vergleich zu nur 11 Prozent bei allen Arbeitnehmern.

Knapp 800.000 Beschäftigungsverhältnisse begonnen

Die jüngsten Gesetzesänderungen haben die Dynamik in der Branche gesteigert: So wurden im ersten Halbjahr 2018 rund 777.000 neue Beschäftigungsverhältnisse zwischen Unternehmen und Zeitarbeitnehmern geschlossen und beinahe genauso viele beendet. Nur 36 Prozent dieser nunmehr Neu-Angestellten waren auch bereits unmittelbar zuvor beschäftigt gewesen. Die anderen zwei Drittel kommen aus der Arbeitslosigkeit. Für die zuvor bereits Beschäftigten gilt: Auch wenn der länger andauernde Einsatz von mehr als 18 Monaten dominiert, war doch jeweils ein Fünftel der Zeitarbeitnehmer drei bis neun oder neun bis 18 Monate beschäftigt. Beendet werden die meisten Beschäftigungsverhältnisse bereits innerhalb der ersten vier Wochen (26 Prozent); weitere 23 Prozent dauern zwischen drei und neun Monaten an. Neun bis 18 Monate war dagegen die am seltensten vorkommende Einsatzdauer.

Mit Blick auf die Rolle der Zeitarbeit als Recruiting-Instrument ist der Teil der Statistik interessant, der die Wahrscheinlichkeit untersucht, ob ein Arbeitnehmer nach seinem Einsatz tendenziell eher arbeitslos oder aber weiterbeschäftigt wird. Dieses sogenannte Zugangsrisiko hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen, das bedeutet, dass Zeitarbeitnehmer heute eher weiterbeschäftigt werden als vor zehn Jahren. Dieser Zusammenhang gilt indes auch für die Gruppe aller Beschäftigten.

Dynamische Reserve

Tatsächlich führt das Segment der Arbeitnehmerüberlassung aber auch die Statistik der Aufnahme von Beschäftigung an — ihr prozentualer Anteil liegt bei 17,7 Prozent. Zum Vergleich: Bei der „Erbringung sonstiger wirtschaftlicher Dienstleistungen“ liegt er bei 14,6 und im Bereich „Kfz-Handel und -Reparatur“ bei 12,8 Prozent. Am unteren Ende der Skala rangieren Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit 0,7 und die Energie- und Entsorgungswirtschaft mit 0,8 Prozent.

Für die Statistiker gilt die Zeitarbeit zudem als Frühindikator für die künftige wirtschaftliche Entwicklung: Hier verweist ein Ende des dynamischen Wachstums der Zeitarbeit bei allgemeinem Beschäftigungsaufbau im Jahr 2018 auf einen drohenden wirtschaftlichen Abschwung.

Allerdings ist die Zeitarbeit generell wesentlich stärker konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt als die Gesamtwirtschaft, da sie ja als Pufferinstrument bei wechselnder Auslastung und Auftragslage fungiert. Das Motiv der Personalgewinnung via Zeitarbeit gilt daher vor allem in der Hochkonjunktur.

Wandelnde Rolle je nach Konjunktur

Das bedeutet, dass das Thema Recruiting über Zeitarbeit bald an Bedeutung verlieren könnte — zugunsten der anderen Aspekte, die Unternehmen bewegen, auf Zeitarbeit zu setzen. Das sind laut einer Auswertung der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2018 vor allem die Möglichkeit zur kurzfristigen Kapazitätsanpassung und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften ganz generell.

Die Erprobung hielten aber in derselben Umfrage rund 50 Prozent der Befragten beim Einsatz von entliehenen Fachkräften und rund 40 Prozent bei Helfern für wichtig. Für ein Drittel der Unternehmen sind indes Fragen der Bürokratie bei der Einstellung neuer Mitarbeiter und Kosten wesentliche Motive für den Einsatz von Leiharbeitnehmern zulasten der Neueinstellung von zusätzlichen Stammmitarbeitern.

Die wesentlichste Einflussgröße für die zukünftige Bedeutung und Rolle, die Zeitarbeit in der deutschen Wirtschaft spielen wird, ist allerdings nicht in erster Linie die Konjunktur, sondern wie seit jeher die politische Willensbildung. So sieht der aktuelle Koalitionsvertrag für das kommende Jahr eine Evaluierung der jüngsten Gesetzesänderungen vor. Was dann folgt, ist heute ebenso unklar wie die handelnden Personen, die die kommenden Veränderungen zu Gesetzen werden lassen.

Auf der linken Seite des Bildes ist eine lächelnde Frau mit langen, welligen braunen Haaren abgebildet. Die rechte Seite des Bildes zeigt einen dunkelgrünen Hintergrund mit weißem Text, auf dem steht: „Alexandra Buba, M. A. Wirtschaftsredakteurin Fuchsmühl.“

 

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