Gesundheit – Interview : Daily Detox?
Wenn es um Digital Detox geht, reden wir da von „Wellness im (Arbeits-)Alltag“ oder gibt es wirtschaftliche Gründe dafür?
Der Bitkom hat ermittelt, dass bereits vier von zehn Personen 2024 privat eine digitale Auszeit nehmen wollten – im Schnitt etwa eine Woche. Kann so etwas auch inmitten unserer digitalisierten Arbeitswelt eine realisierbare Chance für mehr Gesundheit bieten und zusätzlich sogar zur Steigerung der Produktivität eingesetzt werden? Ist es vielleicht sogar unbedingt an der Zeit, innerhalb der Arbeit „einfach mal abzuschalten“? Vielleicht sogar regelmäßig?
Wörtlich übersetzt bedeutet Digital Detox „digitale Entgiftung“, d. h. eine extra eingeräumte Auszeit von digitalen Medien, um zu einer bewussten Nutzung von Smartphone, Laptop und Co. zu gelangen. Weil es sich hier mittlerweile bereits um einen Trend handelt, gibt es sogar eigens Camps und Trainings, um mittels „Bildschirmentzug“ zu Entschleunigung und Entspannung zu kommen. Ziel ist es dabei im Grunde nicht, auf Dauer völlig zu verzichten, sondern (wieder) zu einer bewussten Nutzung in einem vernünftigen Maß zu kommen.
In die „Digital Natives“ wurden wirtschaftlich gesehen große Hoffnungen gesetzt, als hätten die jüngeren Generationen mit dem Technikkonsum auch all das Wissen drumherum wie mit der Muttermilch aufgesaugt. Tatsächlich warnen aber Studien bereits davor, dass übermäßige Bildschirmzeit – insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – einen Störfaktor für den Schlaf und die psychische Gesundheit darstellen kann. Langfristig kann ein solches Dauerverhalten sogar zu demenzähnlichen Symptomen führen und unter anderem die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis deutlich beeinträchtigen. Gerade die nachrückenden Arbeitskräfte, auf die besonders stark gebaut werden soll, sind also gleichzeitig stark gefährdet. Das sollte zu denken geben. Was es zu beachten gilt und wie wir eine digitale Entgiftung machen können, diese Fragen beantwortet Sandra Einhoff, Expertin für Work-LEICHT-Balance.
Karrierekiller oder Quality Time?
Wer sein Handy schon einmal für Tage komplett abschaltet, hat die „FOMO“ vielleicht bereits als eine Art Entzugserscheinung erlebt. Die sogenannte „Fear of missing out“ bezeichnet die Angst davor, etwas zu verpassen. Wer fürchtet, dass Digital Detox zur Karrierebremse wird, braucht eine Lösung, die ihm dabei unbedingt Sicherheit gibt. Sonst wird es nichts mit dem „Abschalten“. Kann es hier schon reichen, ein zweites Handy zu bemühen, um nicht ständig erreichbar zu sein: also ein Handy für die Arbeit und eines für das Privatleben? Oder ist auch hier die sogenannte „Qualitäts- bzw. Auszeit“ eher die bessere und nachhaltigere Variante?
Die Entscheidung zwischen der Nutzung eines zweiten Handys und der vollständigen digitalen Auszeit hängt von den persönlichen Bedürfnissen und den beruflichen Anforderungen ab. Wer zwei Handys nutzt, hat den Vorteil, im beruflichen Kontext erreichbar zu sein, während man gleichzeitig im privaten Bereich abschalten kann – und umgekehrt. Die klare Trennung kann helfen, sich mental auf die jeweilige Rolle zu konzentrieren. Ein echtes und nachhaltiges Digital Detox erfordert jedoch mehr als nur „organisatorische Maßnahmen“.
Letzten Endes geht es nicht nur um die physische Trennung der Geräte, sondern um die Qualität der Auszeiten. Egal, ob wir nun ein oder zwei Handys nutzen: Wir sollten uns eine achtsame Haltung zur Handynutzung zu eigen machen und uns nicht von unseren digitalen Geräten beherrschen lassen. Es ist wichtig, persönliche Grenzen zu definieren und diese konsequent einzuhalten.
Tool Time?

(Expertin für Work-LEICHT-Balance)
Hilft da sogar „noch ein wenig mehr Technik“ gegen „zu viel Technik“? „Es gibt für alles eine App“, sagen die einen – „Nur echter Verzicht führt zum Erfolg!“, die anderen. Wie gelingt am besten der Einstieg in den „Geräte-Entzug“? Kann ich sicherstellen, dass diese Auszeiten und Freiräume tatsächlich etwas zur besseren Produktivität beitragen? Wie sorge ich letztendlich dafür, dass ich mich während des „Digitalfastens“ nicht auf Dauer genauso irgendwo verliere und nicht nur „anderweitig rumbummle“? Wie und woran zeigen sich die echten „Erfolge“?
Tools, die uns dabei unterstützen, unsere Bildschirmzeit zu reduzieren, können hilfreich sein, um ein Bewusstsein für das eigene Nutzungsverhalten zu schaffen. Wem der Umstieg auf das Digitalfasten von heute auf morgen zu schwer fällt, kann die Nutzung pro Tag limitieren. So könnte man sich vornehmen, die Nutzung des Handys, von Social Media und Co. auf eine Stunde am Tag zu begrenzen.
Ich denke, ein „echter Erfolg“ besteht darin, uns bewusst für oder gegen die Handynutzung zu entscheiden – und das jeden Tag, jeden Moment neu. Der tatsächliche Erfolg bedeutet, unser Handy nicht zu brauchen, nicht abhängig davon zu sein. Nicht mehr nervös in unsere Taschen zu greifen, sobald wir in einer Supermarktschlange anstehen oder im Warteraum einer Arztpraxis sitzen. Wir dürfen wieder lernen, das Nichtstun, den „luftleeren Raum“, der sich ohne Handy plötzlich ergibt, auszuhalten. Wer weniger handyorientiert ist, wird auch bemerken, dass sich die Qualität der sozialen Interaktionen verbessert. Statt ständig mit einem Auge auf das aufblinkende Handydisplay zu schauen, werden wir präsenter und aufmerksamer. Und selbst wenn Sie den Unterschied zunächst nicht wahrnehmen sollten: Ihr Gesprächspartner bemerkt es ganz sicher! Denn jeder von uns spürt es, wenn unser Gegenüber uns nicht aufmerksam zuhört.
Um seine neuen Gewohnheiten zu festigen und zu beobachten, kann ein eigens dafür angelegtes Tagebuch wahre Wunder wirken. So können wir unsere Erfahrungen und Fortschritte dokumentieren und Erfolge sichtbar machen. Wie alles im Leben ist auch hier die richtige Balance entscheidend. Das Ziel sollte sein, ein gesundes digitales Gleichgewicht zu finden – also eine Kombination aus bewusstem Verzicht und gezielter Nutzung technischer Hilfsmittel.

Wie sag ich es meinem Chef?
Wer „Office-Arbeit“ verrichtet, kann wohl kaum einfach seinen PC ausschalten und dem Chef mitteilen, dass er von nun an auf die digitale Reizüberflutung verzichten möchte. Dennoch ist es nicht nur möglich, sondern sicherlich auch mal nötig – auch wenn man überwiegend internet- und computerbasiert arbeitet –, im Job die Digitalzeit zu reduzieren. Warum und wie sollten Vorgesetzte sogar dabei mitwirken, dass ich hier meinen gewünschten und benötigten Abstand bekomme?
Es ist allgemein bekannt, dass jeder Mensch Phasen der Ruhe und des „Leerlaufs“ benötigt, um kreativ und innovativ zu sein. Offline-Zeit hilft, den Kopf freizubekommen und neue Perspektiven einzunehmen. Allen Mitarbeitenden sollte besser ein bewusster Zeitraum zur Verfügung gestellt werden, in dem sie sich von digitalen Ablenkungen befreien können, selbst wenn das – je nach Tätigkeitsfeld – pro Tag mit vielleicht nur einer Stunde umsetzbar ist.
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Büro, das so überladen und vollgestopft ist, dass Sie kaum Ihren Schreibtisch sehen können. Genauso kann unser Geist durch die ständige digitale Reizüberflutung überlastet werden.
Im Idealfall gelingt es einem Unternehmen, eine Kultur der Achtsamkeit zu fördern und den Mitarbeitenden glaubhaft zu vermitteln, dass ihnen eine achtsame Arbeitsweise und deren (digitales) Wohlbefinden wichtig sind. Gerade Führungskräfte sollten mit gutem Beispiel vorangehen, ihre eigenen digitalen Gewohnheiten reflektieren und anpassen. Damit setzen sie ein Signal und inspirieren ihre Teams, ebenfalls achtsamer mit ihrer digitalen Zeit umzugehen. Ein großer Schritt ist bereits getan, wenn man für die Folgen und Risiken übermäßiger Bildschirmzeit sensibilisiert. Digital Detox sollte im Übrigen keine Einmalaktion darstellen, sondern einen fortlaufenden Prozess darstellen.
Am Ende Eigenanteil?
Die aktuellen politischen Diskussionen spiegeln sicher die unbestrittene Notwendigkeit wider, Arbeitsleben und Freizeit in einem gesunden Maße in Einklang zu bringen. Während allerorts Gesetze und Richtlinien überarbeitet werden, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sollte auch das Bewusstsein für die Eigenverantwortung nicht zu kurz kommen. Wer seinen Arbeitgeber in die „Pflicht“ nehmen will, sollte sich aber auch ehrlich eingestehen, wie oft er auf der Arbeit regelmäßig auf sein (Privat-)Handy schaut. Die eigene Unzufriedenheit und Überlastung sind die eine Seite. Wo sollten wir in Bezug auf Digital Detox am ehrlichsten uns selbst gegenüber sein und wo liegt die Verantwortung für uns selbst?
Hand aufs Herz: Wie oft lassen wir uns von digitalen Ablenkungen verführen, anstatt fokussiert zu bleiben? Die eigene Überlastung und der Stress hängen häufig mit unserem Umgang mit der Technologie zusammen. Hier braucht es eine gewisse Selbstbeobachtung. Es erfordert Ehrlichkeit und Selbstreflexion, um die eigenen (schlechten) Gewohnheiten zu erkennen und zu ändern. Wir kommen nicht drum herum, unseren eigenen Handykonsum kritisch zu hinterfragen und die Gründe für unsere übermäßige Handynutzung zu erkennen – sei es Langeweile, Prokrastination oder der Wunsch nach Ablenkung. Wenn wir die Ursache dafür kennen, fällt es uns leichter, Veränderungen anzustoßen. Jeder von uns hat die Verantwortung, für sein eigenes Wohlbefinden zu sorgen, was in diesem Kontext bedeutet, aktiv Maßnahmen zu ergreifen, um eine gesunde Balance zwischen Online- und Offline-Zeit zu finden.
Ein Tipp von mir: Eignen Sie sich ein paar „Verhaltensregeln“ an. Eine meiner Regeln dazu ist, mein Handy morgens nicht vor 8 Uhr und abends nicht mehr nach 18 Uhr zu nutzen. Eine weitere „Regel“ könnte sein, das Handy bei der Arbeit aus dem Sichtfeld zu entfernen. Ganz nach dem Prinzip: aus den Augen, aus dem Sinn. Bei mir liegt es meistens in der Schublade.
Einfach wieder auf analog?
Ist es inzwischen nicht ebenso zu einem großen Teil zur Gewohnheit geworden, tatsächlich fast alle Büro-Aufgaben am PC zu erledigen? Wenn man wieder Alternativen sucht, funktioniert doch einiges (zumindest am Anfang) vielleicht sogar auf Papier. Ständiger Stromverbrauch kostet auch Umweltressourcen, da lohnt sich vielleicht auch mal eine Abwägung, was gerade Vorrang hat.
Denn manches kann man zumindest analog beginnen: Textentwürfe, Ideenskizzen, Mind Maps, To-do-Listen etc. funktionieren schließlich immer noch auf Papier. Der nette „Nebeneffekt“ wäre doch: Man arbeitet anders fokussiert! Wie gelangt man zu seiner individuellen „Digital-Detox-Toolbox“?
10-Punkte-CHECKBOX FÜR DAILY DETOX
von Dr. Silvija Franjic

1. Nutzungshäufigkeit erfassen und regulieren
2. Nachrichten oder Aufgaben priorisieren
3. Rolle der digitalen Einsatzmittel reflektieren
4. Situationen nach echten digitalen Mehrwerten hinterfragen
5. Reduzierung der Erreichbarkeit planbar machen
6. Reaktionszeiten und Bearbeitungsplan anpassen
7. Plätze für die „digitalfreie Zone“ definieren
8. Informations- und Nachrichtenfluten bewerkstelligen lernen
9. Genuss der digitalen Auszeit trainieren
10. Umgebung in das geänderte Nutzungsverhalten mit einbeziehen
Eines wissen wir alle: Digitale Geräte sind ein Magnet für Ablenkungen – von ständigen Benachrichtigungen bis hin zu Multitasking. Um Inhalte zu verinnerlichen oder sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, hilft es enorm, analog auf Papier zu schreiben. Das liegt daran, dass der Prozess des Schreibens per Hand deutlich länger dauert. Das führt unweigerlich dazu, dass wir uns länger und intensiver mit der Materie beschäftigen. Ich weiß noch, wie unsere Grundschullehrerin immer sagte: „durch den Stift in den Kopf“.
Ich würde dazu raten, herauszufinden, welche Aufgaben sich für analoge und welche sich für digitale Formate anbieten. Gerade kreative und komplexe Aufgaben profitieren von der Klarheit und Einfachheit eines Papierformats.
In Sachen „Digital-Detox-Toolbox“ habe ich für mich seit langem ein gutes System etabliert. Wenn ich aus Gewohnheit ziellos nach meinem Handy greife, mache ich Folgendes, noch bevor ich das Handy-Display berühre: Ich atme einmal ganz bewusst ein und aus. Dadurch bin ich ganz im Hier und Jetzt und unterbreche meinen Autopiloten – der für meinen Geschmack sowieso viel zu häufig das Ruder in der Hand hält. Diese Gedankenpause nutze ich, um mir die Frage zu stellen: Willst du jetzt wirklich wieder dein Handy zur Hand nehmen? Klar, das funktioniert auch bei mir nicht immer. Doch diese Routine gibt mir Kontrolle über meine Handynutzung.
Was ich außerdem rigoros für alle Funktionen und Apps in meinem Handy eingestellt habe: sämtliche Benachrichtigungen zu deaktivieren. Ich bekomme weder eine E-Mail-Benachrichtigung noch eine WhatsApp-Mitteilung. Bei mir „fliegt nichts rein“. Ich muss, um mir gewisse Infos zu holen, aktiv in die jeweilige App hineingehen. Das ist ein wahrer Gamechanger! So vermeide ich unnötige Unterbrechungen und Ablenkungen.
Vielen Dank für das Gespräch!

