Im Schatten des Zweifels : Europäisches Cloud-Netzwerk GAIA-X angekündigt
Vor seinem Sturz von der Bühne hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier das Forum des Dortmunder Digital-Gipfels genutzt, um die Pläne für eine europäische Dateninfrastruktur vorzustellen — „GAIA-X“ heißt das Zauberwort. Es handelt sich hierbei um konkrete Pläne für eine europäische CloudLösung, welche als Alternative zu den bisher allmächtigen amerikanischen und inzwischen auch chinesischen Anbietern etabliert werden soll.
Ziele
Erklärtes Ziel ist es, deutsche und europäische IT-Anbieter zu einem Netzwerk zusammenzuschließen, bei welchem interessierte Unternehmen ihre Daten speichern und verarbeiten können; gewissermaßen ein gemeinsames digitales Ökosystem. Der Name „GAIA-X“ ist auf die griechische Mythologie zurückzuführen, in welcher es eine frühe Gottheit mit dem Namen Gaia gab — sie steht für die personifizierte Erde. Ein hoher Anspruch also für dieses neue Projekt.
GAIA-X verpflichtet sich auf Werte wie Offenheit und Transparenz, Souveränität und Selbstbestimmung sowie freien Marktzugang und europäische Wertschöpfung. Weiterhin unterliegt das Netzwerk den Regelungen der EU-DatenschutzGrundverordnung. Das Projekt soll nun im ersten Halbjahr 2020 in eine geeignete Rechtsform gebracht werden, welche sich um technische Anforderungen und ein Regelwerk kümmern soll. Parallel soll der Test des technischen Konzepts erfolgen, für Ende 2020 ist schließlich der „Echtbetrieb“ mit Serviceanbietern und mit Nutzern vorgesehen.
Dieses digitale Ökosystem soll bestimmten Merkmalen verpflichtet sein, beispielsweise dem Einsatz sicherer und offener Technologien. Vorgesehen sind auch Netzknoten, die klar zu identifizieren sind, und Software-Komponenten aus einer gemeinsamen Quelle. Es geht im Kern um Transparenz, um Identifizierbarkeit und insbesondere um Vertrauen.
Dieses geplante und nun lauthals angekündigte System soll Unternehmen aller Branchen und Größen miteinander vernetzen, vom Großkonzern bis zum Neugründer. Ein Datenpool für alle, ein Werkzeug als Grundlage für zukunftsgewandte Projekte — das ist eine echte Ansage.

Hoffnungen
Mit GAIA-X verbinden sich viele Hoffnungen, unter anderem auf neue digitale Geschäftsmodelle für europäische Firmen, aber auch auf Fortschritte beispielsweise im Gesundheitswesen durch die Bekämpfung von Krankheiten durch intelligente Datenanalysen. Die praktische Umsetzung von GAIA-X dürfte indes einiges an Geld kosten und viele IT-Experten beschäftigen. Genaue Zahlen über diese und andere Projektanforderungen wurden bisher nicht genannt.
GAIA-X soll die Antwort sein auf eine rasant wachsende Bedeutung moderner Cloud-Strategien, getrieben durch einen Markt mit immer höheren Erwartungen etwa an die Flexibilität und Verfügbarkeit solcher Lösungen. Doch ist diese Antwort ausgegoren und kommt sie nicht viel zu spät? Gerade die Szene der Anbieter von Software und IT-Dienstleistungen wird den Verlauf dieses Projekts sehr genau beobachten.
Fragen und Zweifel
Die geneigte Fachöffentlichkeit reagiert nur mäßig begeistert. Kritiker verweisen unter anderem auf das heute schon fast vergessene Projekt „Theseus“, welches vor gut einem Jahrzehnt als europäische Alternative zur bereits damals dominierenden Suchmaschine Google ausgerufen wurde. Das Ganze kostete viel Geld für Planung, Technik und Marketing — und scheiterte am Ende so geräusch- und wirkungslos, dass es heute bereits aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt ist. Ist GAIA-X in der Lage, den Unternehmen und Bürgern in Europa endlich eine von Amerikanern und Chinesen unabhängige Datensouveränität zu ermöglichen, oder ist der Vorsprung jenseits des großen Teichs und in Fernost schon uneinholbar groß? Immerhin sind deutsche Schwergewichte wie Siemens, SAP, Bosch und die Telekom mit von der GAIA-X-Partie und natürlich möchte man gemeinsam gewinnen — oder doch nur jeder Player für sich selbst?
Auch die angekündigte Etablierung einer geeigneten Rechtsform für dieses Projekt könnte sich als wahrer Zeitfresser erweisen, denn die langatmigen Prozesse im Umfeld europäischer Projekte haben Tradition. GAIA-X ist zudem ein sehr anspruchsvolles Vorhaben, dessen Erfolg von der Klärung zahlreicher technischer, rechtlicher und administrativer Fragen und Problemstellungen abhängt.
Fazit
Spielentscheidend wird sein, ob es den Firmen und Fachleuten hinter GAIA-X gelingt, eine Cloud-Infrastruktur zu etablieren, die in Europa tatsächlich wettbewerbsfähig ist, also mit entsprechender Leistung und auch mit attraktiven Preisen aufwarten kann. Die Anwender werden ansonsten weiterhin auf die etablierten Angebote aus Übersee zurückgreifen, Europa hin, Gemeinsamkeit her.
BITMi begrüßt GAIA-X-Projekt
Ziel des Projekts GAIA-X ist eine europäische vernetzte, offene Dateninfrastruktur, die Unternehmen und Behörden Unabhängigkeit von außereuropäischen Großkonzernen bietet. Dies soll vor allem für Mittelständler, aber auch für alle sonstigen Beteiligten die Datenverfügbarkeit erhöhen, um so beispielsweise KI-Potenziale besser ausschöpfen zu können.
Der Bundesverband IT-Mittelstand begrüßt diesen Ansatz. Bereits zum letzten Digital-Gipfel betonte BITMi-Präsident Oliver Grün: „Wir brauchen konkrete Pläne für den Aufbau von Datenpools, die auch mittelständischen Unternehmen zugänglich sind. Ohne diese Daten kann es in Deutschland keinen erfolgreichen, flächendeckenden Einsatz von KI geben.“ Nach der Präsentation des Bundeswirtschaftsministeriums auf dem diesjährigen Dortmunder Digital-Gipfel lobt er das Projekt, mahnt aber auch eine marktfähige Umsetzung an: „Der Ansatz stimmt, Daten vernetzt zusammenzuführen, um Mehrwerte zu schaffen und unberechtigte Zugriffe zu verhindern. Das Projekt muss schnell bis Ende 2020 umgesetzt werden und vor allem in der Ausgestaltung mit Cloud-Angeboten der Digitalkonzerne mithalten können. Man sollte laufend prüfen, ob das Angebot vom Markt angenommen wird, und auch den Mut haben, stetig Änderungen am Leistungsportfolio agil vorzunehmen.“
Schließlich begrüßte der Verband noch den breiten Ansatz des Projekts, welches neben mehreren Ministerien auch gemeinsam mit Frankreich und der Unterstützung diverser Wirtschaftsunternehmen aufgesetzt werden soll.
Bundesverband IT-Mittelstand e. V.
Der Bundesverband IT-Mittelstand e. V. (www.bitmi.de) vertritt über 2.000 mittelständische IT-Unternehmen und ist damit der größte IT-Fachverband für ausschließlich mittelständische Interessen in Deutschland.


