Psychische Gesundheit: Wegsehen kostet : Von allen „guten Geistern“ verlassen?
Das berühmte Zitat „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ (Mens sana in corpore sano) stammt ursprünglich vom römischen Dichter Juvenal. Die Wechselwirkung zwischen körperlicher Fitness und mentalem Wohlbefinden ist längst wissenschaftlich fundiert: Bewegung und eine gesunde Lebensweise fördern direkt die kognitive Leistungsfähigkeit, die Stimmung und die Stressresistenz.
Das sind Weisheiten, die bereits seit dem Altertum bekannt sind. Aber längst wissen wir ebenso, dass es unbedingt auch anders herum gedeutet und gedacht mindestens ebenso relevant ist, auf die mentale Gesundheit zu achten. Müsste es in Bezug auf die massiven Ausfälle von Arbeitskräften aufgrund von hohen Krankenquoten durch psychische Ursachen nicht heißen: „ein gesunder Körper durch einen gesunden Geist“ (Corpus sanum per mentem sanam)? Und wie sollte die Wirtschaft ganz dringend noch mehr darauf reagieren?
Kluger Kampf den Krankenquoten?
Es ist längst ein bekanntes Phänomen und Paradoxon in der deutschen Arbeitswelt: Krankenkassenberichte, wie etwa der aktuelle Fehlzeiten-Report der AOK oder der DAK-Psychreport zeigen auf, dass Jahr für Jahr psychische Erkrankungen für einen massiven Teil der Fehltage verantwortlich sind und die Fallzahlen sogar kontinuierlich ansteigen. Das hohe Niveau der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen ist weiterhin eine der auffälligsten Entwicklungen in Bezug auf die Krankenstandskennziffern der vergangenen Jahre. Und trotzdem stoßen die dringend erforderlichen strukturellen Veränderungen in vielen Betrieben immer noch auf zähen – und auch kontraproduktiven – Widerstand.
Immer noch ein klassischer Karriere-Killer?
Die meisten Unternehmen konzentrieren sich im Management weiterhin oft auf die schnellen Kurzzeit-Erkrankungen: Seit der Einführung der elektronischen Krankschreibung (eAU) ist der bürokratische Aufwand für Kurzerkrankungen gesunken, was statistisch zu mehr gemeldeten Kurzzeitausfällen führt, aber gerade die Langzeitausfälle führen zu viel tiefgreifenderen und teureren Problemen. In vielen Branchen gelten psychische Beeinträchtigungen noch immer als Karriere-Killer, weil sie als Schwäche stigmatisiert werden. Wenn sich das nicht grundlegend ändert und verbessert, dann drohen auch die getroffenen Maßnahmen zu sehr an der „Oberfläche zu verpuffen“.
Falsches Fischen im Trüben?
Weil Mitarbeitende sich sonst meist unter Rechtfertigungsdruck gesetzt sehen, tarnen sie psychische Belastungssymptome oder Erkrankungen bei Krankmeldungen oft als körperliche Beschwerden (z. B. Rückenschmerzen, Magenprobleme), wodurch die wahren Ursachen für das Unternehmen oft unsichtbar und damit unberechenbar bleiben. Andererseits gibt es auch neue Berufsbilder und Trends im Unternehmen. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, reichen die Aufgaben und Einsatzgebiete des klassischen Betriebsarztes oder der Fachkraft für Arbeitssicherheit längst nicht mehr aus. Es haben sich daraufhin – meist in größeren Unternehmen – bereits professionalisierte Berufsbilder und Rollen etabliert, welche auch noch entsprechend den heutigen Anforderungen weiterentwickelt wurden.
Einfach ein besseres Feelgood, oder Wellbeing Management?
Natürlich sind bereits vorbeugende Maßnahmen zum Beispiel durch sogenannte Feelgood oder Employee Wellbeing Manager, wie man sie insbesondere aus der Tech-Branche, im Dienstleistungssektor und in größeren und modernen Konzernen kennt, wichtig. Die Feelgood Manager, die noch vor kurzem als Bespaßer mit „Obstkorb und Kicker“-Benefits belächelt wurden, legen ihren Fokus bereits deutlich mehr auf Aspekte der psychologischen Sicherheit am Arbeitsplatz, auf die Gestaltung einer gesunden Feedback- und Fehlerkultur sowie die Optimierung von New-Work- oder Remote-Work-Bedingungen. Die fröhliche und euphorische „heile Welt-Arbeitsplatz-Inszenierung“ hat sich zu einem deutlich problembewussteren „Setting“ gewandelt, in dem auch mögliche digitale Überforderung oder damit einhergehende Homeoffice-Belastungen Eingang in die Konzepte und Maßnahmenkataloge gefunden haben.
Lässt sich alles „errechnen“?
Ebenso haben sich die Aufgaben der Manager für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) in der letzten Zeit von der Zusammenstellung eines Health-Benefits-Katalogs für das Recruiting-Marketing und dem weiteren Schwerpunkt der Event-Organisation (wie dem jährlichen „Gesundheitstag“) zu einer strategischen Schnittstelle zwischen dem Personalwesen und der Unternehmensführung entwickelt. Die Strategie geht jetzt immer mehr in Richtung der Steuerung der gesetzlichen psychischen Gefährdungsbeurteilung und hin zur Konzeption der langfristig erforderlichen Arbeitsbedingungs- und Kulturveränderungen. Die Erhebungen erfolgen dabei hauptsächlich datenbasiert (durch Analyse der anonymisierte Fehlzeitenreports), um den wirtschaftlichen Nutzen gesunder Arbeit nachzuweisen und den Return on Investment (ROI) sicherzustellen.
Immerhin Notfalllösungen?
Dies alles sind zwar durchaus gute, vernünftige Maßnahmen und ein wirtschaftlich wirklich wichtiger Einsatz, um die finanziellen Auswirkungen einzudämmen. Weiterhin auf sich gestellt bleiben und nicht erreicht werden Menschen in tiefgreifenden persönlichen Notlagen, mit erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen bis hin zu existenziellen Krisen und damit einhergehenden Zusammenbrüchen. Analog zu den klassischen Ersthelfern für Unfälle werden daher immer mehr normale Angestellte zu „Mental Health First Aidern“ ausgebildet. Solche „betrieblichen Ersthelfer für die psychische Gesundheit“ sind keine Therapeuten, aber sie sind darauf geschult, Warnsignale wie Leistungsabfall, extreme Gereiztheit oder Anzeichen für einen sozialer Rückzug bei Kollegen frühzeitig zu erkennen. Sie sind ausgebildet und angehalten, das Thema empathisch und ohne Vorurteile anzusprechen und Betroffene an professionelle Hilfsangebote heranzuführen, wie den Betriebsarzt (sofern vorhanden) oder externe Beratungsstellen und Hilfsmöglichkeiten.
Anliegen, die endlich ernst genommen werden?
Da längst nicht alle Unternehmen so etwas betriebsintern anbieten bzw. implementieren können, holen sich diese immerhin externe Unterstützung durch Employee Assistance Programs (EAP) für die direkte Intervention durch spezialisierte Dienstleister. Da diese „EAPs“ den Mitarbeitenden eine vollkommen anonyme Hilfe anbieten, bis hin zu einer rund um die Uhr erreichbaren Hotline für die psychologische Beratung, Krisenintervention oder auch einer weitreichenderen Unterstützung bei privaten Problemen (wie die Pflege von Angehörigen, Probleme rund um die Ehe oder Kinderbetreuung oder Schulden usw.), werden diese Angebote durchaus gern angenommen. Dies geschieht besonders dann, wenn die Anonymität glaubhaft gewährt bleibt. Und da der Arbeitgeber keinesfalls erfährt, wer aus welchem Grund das Angebot in Anspruch nimmt, ist die Hemmschwelle für die Beschäftigten hier extrem niedrig. Wer den Kopf „wieder“ freier hat und seine seelischen Belastungen und den damit einhergehenden Druck wieder vermindert hat, kann deutlich schnell und einfacher wieder zu seiner ursprünglichen Arbeitsleistung zurückkehren.
Fazit
Es ist ein „offenes Geheimnis“, dass sowohl die Ursachen für hohe Krankenquoten aufgrund (versteckter) psychischer Erkrankungen ebenso wie die Hebel dafür längst bekannt sind. Wo früher weggeschaut wurde, zwingt der massive Fachkräftemangel Unternehmen zunehmend zum Umdenken, trotzdem bleiben die Zahlen weiterhin fast „ungebrochen hoch“. Wer Arbeitsbedingungen nicht psychisch gesund gestaltet, für den wird es bitter – am Ende bezahlen nicht nur die Menschen mit ihrer Gesundheit. Der Firma fehlt die nicht erbrachte Leistung, womöglich verliert sie auch Mitarbeitende an die Konkurrenz – ein Preis, der die Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel besonders teuer zu stehen kommt. Sind wir also weiterhin viel zu sehr „von allen guten Geistern verlassen“, weil wir uns auf die falsche Art und Weise immer noch nicht weitreichend genug auf die Auswirkung und die Ursachenbekämpfung von psychischen Erkrankungen im Arbeitsumfeld einlassen und daraus immer noch nicht die richtigen bzw. entscheidenden Schlüsse ziehen?
Dr. Silvija Franjic, Jobcoach und Fachredakteurin



