Banner Online Kompaktkurse für fundiertes Wissen zu neuesten Gesesetzesänderungen und Abrechnungskriterien
Abo

Nicht mit den Jungen? (Teil 2 – Der Realitätscheck)

Nachdem Teil 1 die Ursachen und Prägungen sichtbar gemacht hat, geht Teil 2 einen Schritt weiter: Was folgt daraus – ganz konkret? Dr. Silvija Franjic und Nicole Eppie Wagner sprechen über die harte Seite der Gegenwart: Druck, Entwertung von Leistung, Zukunftsangst, Familiengründung als Risiko, Fachkräfte als Mythos. Und doch bleibt der Blick nach vorn gerichtet: Was brauchen junge Menschen wirklich und was müssen Ältere bereit sein abzugeben, zu ändern, neu zu lernen? Dieser Dialog will keine Generation gewinnen lassen. Er will, dass wir gemeinsam wieder handlungsfähig werden.

FokusGeneration ZInterview
Lesezeit 15 Min.

Ererbte Erschöpfung?

Wir haben gerade sehr große politische Diskussionen, dass unsere Gesellschaft unbedingt mehr leisten muss, damit wir wieder wirtschaftlich „Anschluss finden“. Dabei sieht gerade die junge Generation vielleicht (zu einem gut begründeten Anteil) gar nicht mehr den Anreiz und den Sinn, unseren bisherigen Leistungsprinzipien zu folgen. Wie wir wissen, haben deren Werte sich deutlich verschoben: Sicherheit vor Karriere. Geändert haben sich auch die Ansprüche bezüglich Arbeitszeit und Organisation.

Gefordert wird unter anderem, insbesondere von der jungen Generation selbst, aber auch in politischen und gesellschaftlichen Debatten, dass sich die Erwerbstätigkeit stärker an der persönlichen Lebensrealität orientiert. Aufopfern, wofür? Wenn nicht mal mehr verbeamtete Lehrerpaare mit zwei Vollzeitstellen ohne größeres Vorvermögen Wohneigentum erwerben können? Statussymbole müssen auch nicht mühsam erspart werden, man kann sie leasen. Aber auch die Hemmschwelle, Schulden zu machen, ist geringer. Warum auch nicht, wenn schon der Staat die „Rentensicherheit“ auf Kosten der Zukunft der Jugend „beleiht, die fordert: „Bildungsinvestition statt Bundeswehrausbau“? Haben wir alles nur falsch „vermittelt“ oder selbst auf die verkehrten Werte und Ziele gesetzt und tun dies noch?

Nicole Eppie Wagner:

In meiner Arbeit sehe ich täglich, wie weit gesellschaftliche Erwartungen von den Lebensrealitäten junger Menschen entfernt sind. Viele erleben Erschöpfung, die in ihren Familien längst strukturell geworden ist. Für sie ist Leistung kein Ideal, sondern eine Kosten-Nutzen-Abwägung: Wofür lohnt sich Kraft, wenn selbst sichere Vollzeitstellen kaum Stabilität bieten? Gleichzeitig beobachten sie, wie politische Prioritäten an ihrem Alltag vorbeigehen – Milliarden fließen in militärische Aufrüstung, während Bildung, Prävention und soziale Infrastruktur seit Jahren unterfinanziert bleiben. Die Botschaft, die bei der Jugend ankommt, lautet: Zukunftssicherung wird nicht für euch gemacht.

Entscheidende Frage hier: Haben wir also falsch vermittelt? Vielleicht haben wir vor allem zu viel versprochen: dass Anstrengung automatisch Aufstieg bedeutet, dass Bildung Chancen schafft, dass Arbeit vor Armut schützt. In meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen und Auszubildenden sehe ich, wie sehr diese Erzählungen bröckeln – besonders für junge Menschen ohne Vermögen, ohne familiären Rückhalt, ohne Zugang zu Ressourcen. Ihre Realität ist geprägt von Unsicherheit, nicht von Wahlmöglichkeiten.

Der vielleicht wichtigste Punkt ist: Die Jugend verweigert nicht die Leistung, sondern die Illusion. Sie reagiert nicht mit Resignation, sondern mit Klarheit. Sie fragt nach Sinn, statt blind zu funktionieren. Und vielleicht ist das kein Zeichen eines Werteverfalls, sondern ein notwendiges Korrektiv: ein Spiegel, der zeigt, dass unsere Strukturen nicht mehr tragen.

Wenn wir verstehen wollen, was junge Menschen bewegt, müssen wir weniger über „Arbeitsmoral“ reden – und mehr darüber, wohin ein Staat investiert und wem diese Zukunft eigentlich dienen soll.

Dann geht es halt (besser) mit Druck?

Haben die Jüngeren (berechtigt) tatsächlich weniger „Bock“ oder sind sie mit sehr gutem Grund „mehr bei sich“ und wir müssen unsere „Anreize“ nicht nur gründlicher, grundlegender und vielleicht schon fast „schmerzlich“ ehrlicher ändern und von Grund auf überarbeiten? Denn wie Ralf Dahrendorf und Wolfgang Schluchter in ihrer Studie gezeigt haben, ist echter sozialer Aufstieg in Deutschland schon seit dem Kaiserreich nur schleppend vorangegangen: Die Aufsteiger aus den Mittelschichten und der Arbeiterklasse haben langsam dazugewonnen, und das nicht einmal kontinuierlich – und nun geht die Schere zwischen Arm und Reich wieder deutlicher auseinander.

Der soziale Druck wächst aktuell erheblich (nicht nur durch steigende Lebenshaltungs- und Energiekosten), wie die große Debatte um das Bürgergeld gezeigt hat und die neue Grundsicherung nun mithilfe von Sanktionen mit möglichst großer Härte als Mittel ausführen soll. An den Grundpfeilern der Pflegestufen wird ebenso gerüttelt und immer weniger (jüngere) Menschen sollen jetzt schon für eine Rente zahlen, die bereits für (zu) viele ältere Menschen – trotz vieler Arbeitsjahre – nicht reicht und die sie als kommende „Stemmer“ für einen angeblichen „Generationenvertrag“ voraussichtlich nicht mal für sich selbst erwirtschaften können. Zudem werden immer mehr Staatsschulden aufgenommen.

Wie soll man junge Menschen auf dieser Basis und mit solchen Instrumentarien tatsächlich noch ernsthaft ermuntern, an die bestehenden Sozialsysteme überhaupt zu glauben, geschweige denn, in sie zu „investieren“ – wo selbst die aktuelle Gesundheitsfürsorge für alle stattdessen zum privilegierten Luxusgut für solvente Zuzahler und Privatversicherte mutiert?

Nicole Eppie Wagner:

Die neue ifo-Studie zeigt erneut, wie brüchig das alte Aufstiegsversprechen geworden ist: Der Einfluss des Elterneinkommens auf Bildung und spätere Erwerbsmöglichkeiten hat sich seit den 1970ern verdoppelt (ifo Institut, 2025).

Für die Praxis der Sozialen Arbeit bestätigt das, was im Alltag längst sichtbar ist: Wer in Armut aufwächst, läuft nicht nur später los – er kämpft gegen Steigungen, die andere nicht spüren. Vor diesem Hintergrund wirkt die Frage „Dann geht es halt besser mit Druck?“ wie ein Echo aus einer Zeit, in der Anpassung wichtiger war als Chancen.

Mehr Druck schafft keine Aufstiegsmobilität; er verschließt Wege.

Dr. Silvija Franjic Fachredakteurin und Jobcoach

Wirksam werden andere Stellschrauben: frühkindliche Förderung, konsequente Sprachbildung und eine sozialräumlich ausgerichtete Unterstützung, die Ressourcen dorthin bringt, wo Belastungen besonders hoch sind.

Gleichzeitig braucht es verlässliche Begleitung an Übergängen, insbesondere zwischen Schule und Beruf. Das gilt auch für Auszubildende: Sie müssen stärker ins Arbeitsleben einbezogen werden, mitreden dürfen, an Entscheidungen partizipieren, statt nur „funktionieren“ zu sollen. Beteiligung ist kein Bonus – sie ist Voraussetzung für berufliche Entwicklung und Selbstwirksamkeit.

Ebenso zentral bleibt der Abbau struktureller Hürden: kostenfreie Lernmaterialien, digitale Teilhabe, armutssensible Elternarbeit. Und schließlich Räume, die echte Beteiligung ermöglichen – Orte, an denen junge Menschen erleben, dass ihre Perspektiven zählen. Wenn soziale Mobilität sinkt, brauchen wir keine härteren Daumenschrauben, sondern gerechtere Startbedingungen und echte Mitsprache.

Leistung lohnt sich (nicht) mehr?

Was unsere nachfolgenden Generationen tatsächlich längst gesehen, erkannt (und bereits daraus gelernt) haben: Sie wollen nicht die nächste „Generation Burn-out“ werden – für eine noch geringere Belohnung als ihre eigenen Eltern. Auch, weil es immer schlechteren Zugang zum Erwerb des Eigenheims gibt und man vom Alter kaum was haben wird durch die verlängerte Erwerbsdauer (also besser jetzt lebt), wird generell die Frage lauter werden: „Für was lohnt sich Leistung überhaupt?“ Deshalb stehen inzwischen auch Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit im Vordergrund! Und werden Chancen gleich und gerecht verteilt?

Wenn immer wieder auf zu viele offene Ausbildungsstellen verwiesen wird, entsteht auch der Eindruck, die Jungen „spielen zu viel Wunschkonzert“. Aber natürlich sind ja auch täglich das Talent, das Können und die (echte) Bereitschaft gefragt, um etwas zeigen zu können. Nicht jeder will und kann alles machen, auch das sollte in den aktuellen Diskussionen nicht einfach weggewischt werden, weil wir Bedarfe haben, die nicht (mehr) erfüllt werden. Das wäre zu einfach. Auf der anderen Seite wird behauptet, jeder kann werden, was er will, wenn er sich nur anstrengt, aber stimmt das? Wer bestimmt, ab welchen Punkt nun „alles zumutbar und annehmbar“ sein muss? Wollen wir hier „losen“ wie bei der Bundeswehr? Und nun werden insolvenzbedingt die Ausbildungschancen auch schlechter.

Da wird auch nicht die Zuwanderung die Lösung für alles weitere sein – mit dem Plan, den Druck insgesamt und „ungeliebte Arbeit“ ohnehin „nach unten“ abzugeben. Das funktioniert auch nicht mehr wie „früher“. Jede Form von Ausbildung und Arbeit muss sich lohnen, selbst wenn man „unten anfängt“. Aber wie und bei wem beginnen wir am besten, damit das Thema wieder echte Glaubwürdigkeit (für alle) erhält?

Nicole Eppie Wagner:

Millennials spüren heute einen Bruch, den wir lange überdeckt haben: Die alte Erzählung, dass Fleiß automatisch Aufstieg bedeutet, trägt nicht mehr. Wohnraum ist unerschwinglich, Erwerbsbiografien werden brüchiger, Anerkennung folgt nicht dem Einsatz, sondern dem Zufall. Sozialpädagogisch betrachtet zeigt sich ein System, das Sicherheit versprach, aber strukturelle Ungleichheiten konsequent übersehen hat.

Für die Gen Z bedeutet Sinnhaftigkeit deshalb mehr als Idealismus. Es geht um Kohärenz: Arbeit soll zu den eigenen Werten passen, die psychische Gesundheit nicht gefährden und einen Beitrag leisten, der erkennbar Wirkung entfaltet. Sinn entsteht dort, wo Autonomie, Gerechtigkeit und Selbstwirksamkeit zusammenkommen.

Diese Generation zieht daraus konsequente Schlüsse: Sie setzt Grenzen, lehnt toxische Arbeitskulturen ab und fragt früh, was Leben jenseits der Erwerbsarbeit bedeutet. Die nachfolgenden Generationen gehen noch weiter – sie erwarten Teilhabe, Nachhaltigkeit und echte Gestaltungsspielräume.

Vielleicht liegt gerade darin die echte große Chance: dass sie uns zwingen, Arbeit neu zu definieren – nicht als Erschöpfung, sondern als sinnvolle Praxis in einem System, das seinen Menschen wieder entspricht.

Voll der Fachkräfte-Fake?

Und dann müssen ja Wirtschaft und Politik zusätzlich auch längst aufpassen, nicht dem Eindruck eines „Fachkräfte-Fakes“ zu „erliegen“: Denn: die „dringend gesuchten und benötigten“ Fachkräfte fallen bekanntlich nicht vom Himmel. Sie sind nämlich die einstige Berufsanfänger, die sich über Jahre Expertise aufgebaut haben. Sobald Unternehmen einen Einstieg für junge Akademiker aber nicht mehr ermöglichen, weil KI-Systeme kurzfristig „rentabler“ erscheinen, sägen sie doch bereits (wieder) am eigenen Fundament, und plötzlich lohnt sich noch nicht mal mehr das Studieren, was sonst als beruflicher „Türöffner für fast alles“ galt!

Wenn man jetzt in noch höheren Maßen selbst keine Talente mehr entwickelt, dann darf man sich über fehlende Fachkräfte später nicht wundern – und erst recht nicht beklagen. Viele Betriebe, die nicht selbst ausbilden, und das Handwerk bekamen dies bereits bitter zu spüren. Selbst Traditionsunternehmen wie die Robert Bosch GmbH, welche bisher symbolisch für die Mitte unserer Gesellschaft standen, erwägen bereits, bei den Auszubildenden zu sparen. So fühlen sich die Jüngeren zu Recht langsam „veräppelt“, wenn wir über ihre „Zukunftschancen“ sprechen.

Nicole Eppie Wagner:

Silvija Franjic hat in ihrer Analyse einen entscheidenden Punkt getroffen: Der vielbeschworene Fachkräftemangel ist weniger ein naturgegebenes Phänomen als Ergebnis politischer Narrative und unternehmerischer Kurzsichtigkeit. Fachkräfte entstehen nicht durch alarmistische Debatten, sondern durch konsequente Nachwuchsförderung. Genau diese aber wurde in den vergangenen Jahren schleichend dem Effizienzdenken geopfert. Unternehmen, die heute Engpässe beklagen, haben selbst Ausbildungsstrukturen abgebaut, Einstiege verknappt und Entwicklungspfade ausgedünnt. Das erzeugt ein widersprüchliches Bild: Man warnt vor dem Mangel, den man zugleich produziert.

Meine Beobachtung: Sozialpolitisch ist das von erheblicher Tragweite. Ein Arbeitsmarkt, der jungen Menschen keine verlässlichen Übergänge mehr bietet, produziert Unsicherheiten – und langfristig exakt jene Lücken, die man vermeintlich verhindern wollte. Die Lösung liegt daher weniger in Appellen als in einem kulturpolitischen Wandel: Unternehmen müssen ihre Verantwortung als Orte beruflicher Bildung wieder ernst nehmen.

Ausbildung, stabile Perspektiven und echte Entwicklungsmöglichkeiten sind kein Kostenblock, sondern die Voraussetzung dafür, dass der „Fachkräftebedarf“ nicht zur selbst verschuldeten Realität wird.

Die Jugend „feiern“ – aber ohne (eigene) Kinder?

Es sollte uns doch wirklich extrem alarmieren, dass hierzulande immer weniger junge Leute sich dazu entschließen, überhaupt Kinder in diese Welt zu setzen. Denn dann waren wir in der Summe wohl nicht so ganz die guten Macher und Vorbilder?

Die amerikanische Nobelpreisträgerin Claudia Goldin führt den Rückgang der Geburtenraten allerdings weniger auf wirtschaftliche Unsicherheiten zurück, sondern auf das Missverhältnis von männlichen und weiblichen Lebensentwürfen und den dadurch entstehenden „Grand-Gender-Convergence-Gap“, weil den inzwischen wesentlich besser gebildeten Frauen immer noch nicht die entsprechenden Karrieremöglichkeiten offenstehen und die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie strukturell weiterhin unzureichend ist. Ist dies nicht ein sehr gutes Beispiel, dass wir bereits viel öfter nicht mehr „nur“ von individuellen Wünschen sprechen müssen, sondern bereits vielmehr von gesellschaftlichem Versagen? Gibt es dafür nicht noch weitere wichtige Beispiele?

Nicole Eppie Wagner:

Sinkende Geburtenraten lassen sich längst nicht mehr als Resultat persönlicher Entscheidungen interpretieren. Junge Erwachsene reagieren auf Strukturen, die Familiengründung zunehmend erschweren: steigende Wohnkosten, prekäre Erwerbsverläufe, fehlende Verlässlichkeit in der Kinderbetreuung und Karrierewege, die besonders für Mütter brüchig bleiben. Die Entscheidung gegen Kinder ist damit weniger Ausdruck individueller Präferenzen als vielmehr ein Indikator gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die keine stabile Zukunft verheißen.

Parallel dazu zeigt sich eine bemerkenswerte Polarisierung zwischen jungen Männern und Frauen. Während Mädchen über Jahrzehnte hinweg durch feministische Bewegungen, schulische Förderung und gesellschaftliche Diskurse an die Selbstbestimmung herangeführt wurden, blieben Jungen in ihrer Rollenfindung weitgehend sich selbst überlassen. Ihnen fehlen nicht nur männliche Bezugspersonen in Bildungseinrichtungen, sondern auch kulturell anerkannte Modelle moderner Männlichkeit. Der Kölner Soziologe Dr. Ansgar Hudde beschreibt diese Entwicklung als modernen „Gender Gap“: Junge Frauen orientieren sich zunehmend an progressiven Gleichstellungs- und Zukunftsthemen, während junge Männer häufiger konservative und rechte Positionen vertreten.

Der Feminismus hat zweifellos entscheidende Fortschritte ermöglicht, doch die gesellschaftliche Modernisierung der Geschlechterrollen blieb asymmetrisch. Jungen wurden im Transformationsprozess zu wenig mitgedacht – und damit einem Vakuum überlassen, das heute durch digitale Maskulinitätsangebote, tradierte Erwartungen und die Abwertung emotionaler Kompetenzen gefüllt wird. Die auseinanderdriftenden Lebensentwürfe junger Männer und Frauen sind somit weniger ein Generationenphänomen als ein Spiegel gesellschaftlicher Versäumnisse.

Eine nachhaltige Perspektive erfordert daher ein tiefgreifenderes Umdenken: verlässliche Betreuungssysteme, Arbeitszeiten, die Elternschaft nicht bestrafen, Karrierewege, die auch Müttern Stabilität bieten, sowie pädagogische Konzepte, die Jungen in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung ernst nehmen. Ebenso wichtig ist der Ausbau männlicher Fachkräfte in Kitas und Schulen, um vielfältige Rollenmodelle erlebbar zu machen. Erst durch solche strukturellen Reformen kann eine Generation, die heute gezwungen ist, zu zögern, wieder frei entscheiden – und Zukunft nicht länger als Risiko, sondern als Möglichkeit begreifen.

Viele „falsche“ Vorurteile und Annahmen?

Als erstes Zwischenresümee: Haben wir jetzt trotz feststellbarer und durchaus dringend diskutabler Phänomene nach wie vor zu viele falsche Vorurteil gegenüber der Jugend? Oder sind wir vielmehr (weiterhin) zu wenig bereit, die Verantwortung der älteren Generationen als „verursachende Wegbereiter“ dafür zu sehen? Was nehmen wir Älteren „daraus mit“, wenn wir (uns ein-)gestehen, dass wir dafür durchaus die (negativen) Vorbilder waren und sind, sogar die direkten Produzenten und Verursacher von vielem, und dies vielleicht schon selbst merken, uns sogar noch als überhebliche „Richter“ aufschwingen? Kann uns das einander auch näherbringen?

Fehlt auch dabei nicht unbedingt noch eine entscheidende, ehrliche Erkenntnis? Wir ignorieren und vergessen bei diesen Diskussionen immer noch zu sehr, dass diese jungen Menschen bei all dieser vorherigen Entwicklung dabei, in vielen Spannungsfeldern „mittendrin“ waren, damit aufgewachsen und groß geworden sind – und sich eben mit gutem Grund ihre Meinung gebildet haben. Sie sind ja jetzt nicht „plötzlich da“, so wie sie geworden sind als eine Art „wunderliches Phänomen“. Wie könnten wir da am besten mit den jüngeren Generationen in einen direkten Dialog treten, um nicht nur gehört zu werden, sondern auch echte, ehrliche und nachhaltige Wirkungen zu erzielen?

Nicole Eppie Wagner: Es ist eine bequeme Selbstberuhigung, die junge Generation als überraschendes Phänomen zu betrachten. Dabei ist sie kein Rätsel, sondern die logische Folge einer Welt, die wir selbst gestaltet haben. Wer sich über ihre Werte wundert, übersieht, dass diese Jugendlichen inmitten von Pandemie, Klimakrise, digitalen Dauerkrisen und politischer Unsicherheit groß geworden sind – und zwar bewusst. Ihre Sicht ist also kein spontanes Aufbegehren, sondern eine Antwort auf Erfahrungen, die wir ihnen nicht erspart haben.

Aus sozialpädagogischer Sicht wiederholt sich ein vertrautes Muster: Ältere beanspruchen die Deutungshoheit über Herausforderungen, an deren Entstehung sie selbst beteiligt waren. Der Vorwurf, die Jugend sei „zu sensibel“, schützt oft vor der Frage nach der eigenen Verantwortung. Doch echter Austausch beginnt nicht mit Erklärungen, sondern mit ehrlicher Selbstreflexion.

Entscheidend ist, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen sprechen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Orte, an denen ihre Perspektiven nicht sofort bewertet oder korrigiert werden. Ihre Sicht muss nicht erst legitimiert werden – sie gehört von Anfang an dazu. Solche Räume unterstützen anstatt zu prüfen und halten aus, dass junge Menschen andere Antworten haben.

Reichen bessere Vorbilder überhaupt aus? Wie beurteilen Sie zum Abschluss in dem Zusammenhang den Trend, dass viele Entscheider in der Wirtschaft sogar regelmäßig „Sparringspartner“ aus den jungen Kohorten holen, um zu ihren Entscheidungen zu gelangen. Ist das eher ein Eingeständnis, dass wir bereits zu sehr den Anschluss verpasst haben (und uns erst „informieren“ müssen) oder vielmehr das genau richtige Signal, dass das Lernen voneinander (endlich) ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist? Viel Jüngere beklagen ohnehin, dass irgendwie mehr über sie geredet wird als auf Augenhöhe mit ihnen.

Was wir wohl dafür längst brauchen, ist vor allem der Spirit eines echtes Gemeinschaftsgefühlt – statt dieses diskutierende „Gegeneinander“, weil unser sonst weiter anspruchsvoll werdender Arbeitsalltag immer weiter alle „auffrisst“. Selbstverständlich reicht es längst nicht mehr „nur Verständnis zu haben“. Wir müssen für die künftige Entwicklung aktiv etwas weitergeben und damit vielleicht mehr tun und überzeugen als bisher: Insbesondere junge Menschen brauchen unsere Unterstützung, unsere Erfahrungen und unser Wissen, damit sie daraus ihre Fähigkeiten und Chancen entwickeln können. Da muss aber auch Raum bleiben, damit sie selbst ihren Stil, ihren eigenen guten Weg finden. Brauchen wir dafür nicht unbedingt überall am besten generationsübergreifende Transformationsteams, damit wir diesen Weg mit gutem Erfolg gemeinsam gehen?

Nicole Eppie Wagner:

Silvija Franjic benennt hier einen weiteren wesentlichen Punkt: Zukunftsentscheidungen entstehen nicht mehr innerhalb einzelner Generationen. Immer deutlicher zeigt sich, dass nachhaltiger Wandel dort gelingt, wo Erfahrungswissen und neue Denkweisen aufeinandertreffen. Generationsübergreifende Transformationsteams sind daher weniger ein organisatorisches Modell als ein kulturelles Prinzip. Sie schaffen Räume, in denen Routinen hinterfragt, Perspektiven ergänzt und Entscheidungen auf eine breitere Grundlage gestellt werden.

Doch ausschlaggebend ist die Haltung dahinter: Zusammenarbeit erfordert Vertrauen, Anerkennung und echte Mitgestaltung. Jüngere brauchen Orientierung ohne Bevormundung, Ältere die Bereitschaft, weiterhin lernoffen zu bleiben. Wenn dieses Miteinander gelingt, entsteht keine Abgrenzung zwischen Generationen, sondern eine gemeinsame Gestaltungskraft, die Transformation trägt.

Am Ende wird ganz klar als gemeinsames Ergebnis deutlich: Zukunft ist kein Altersthema. Sie entsteht dort, wo wir unsere Unterschiede nicht verwalten, sondern produktiv nutzen – und den Weg bewusst gemeinsam gehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Silvija Franjic, Fachredakteurin und Jobcoach.

Diesen Beitrag teilen: