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Stier meint…! Nach 50 Jahren – Die Rückkehr der Erdbeermarmelade

Nach fast 50 Jahren darf Erdbeermarmelade in der EU wieder offiziell Marmelade heißen. Ein Kommentar über die Grenzen von Regulierung und den Sieg des gesunden Menschenverstands am Frühstückstisch.

Kolumne
Lesezeit 3 Min.
Erdbeermarmelade im Glas: Nach 50 Jahren darf sie in der EU wieder offiziell Marmelade heißen
Foto: © stock.adobe.com/135pixels

Es gibt Meldungen, bei denen man sich ernsthaft fragt, womit sich Europa eigentlich so beschäftigt. Und dann gibt es Meldungen, bei denen man gleichzeitig lachen und verzweifeln möchte. Die Rückkehr der Erdbeermarmelade gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nach 50 Jahren: Erdbeermarmelade darf wieder Marmelade heißen

Nach fast fünfzig Jahren hat Europa nämlich beschlossen, dass Erdbeermarmelade wieder Erdbeermarmelade heißen darf. Ich musste diesen Satz tatsächlich mehrfach lesen. Jahrzehntelang war es rechtlich offenbar vollkommen logisch, dass Marmelade nur aus Zitrusfrüchten bestehen darf. Alles andere musste Konfitüre heißen. Ganz egal, dass in Deutschland vermutlich kein Mensch morgens am Frühstückstisch gesagt hat: „Reichst du mir bitte die Erdbeer-Konfitüre?”

Nein, wir haben weiterhin Marmelade gesagt. Erdbeermarmelade. Kirschmarmelade. Aprikosenmarmelade. Und jetzt kommt die EU nach einem halben Jahrhundert zu der bahnbrechenden Erkenntnis: Die Menschen hatten offenbar recht.

Sprachlicher Ausnahmezustand am Frühstückstisch

Man muss sich das einmal vorstellen. Jahrzehntelang liefen Millionen Deutsche völlig unbehelligt durch Supermärkte und verwendeten einen Begriff, der europarechtlich eigentlich gar nicht vorgesehen war. Ein sprachlicher Ausnahmezustand am Frühstückstisch.

Der Ursprung dieser Geschichte ist fast noch schöner als die Regelung selbst. In den 1970er-Jahren setzte Großbritannien im Rahmen der damaligen EU-Beitrittsverhandlungen durch, dass nur Zitrusaufstriche offiziell Marmelade heißen dürfen.

Der Rest wurde zur Konfitüre erklärt. Wahrscheinlich ahnte damals niemand, dass sich Generationen deutscher Verbraucher davon völlig unbeeindruckt zeigen würden.

Wenn Verbraucher EU-Regeln einfach ignorieren

Denn genau das ist doch der eigentliche Punkt. Die Menschen haben diese Regel nie angenommen. Sie haben sie ignoriert. Freundlich, konsequent und jahrzehntelang. Während irgendwo Verordnungen formuliert wurden, stand zuhause weiterhin die Erdbeermarmelade auf dem Tisch.

Und genau das fasziniert mich an dieser Geschichte. Sie zeigt wunderbar die Grenzen von Regulierung. Man kann vieles normieren. Verpackungen, Mindestfruchtgehalte, Etiketten, Schriftgrößen und vermutlich irgendwann auch die ideale Brotaufstrichstemperatur. Aber Sprache funktioniert anders. Die Menschen sagen das, was sie sagen wollen. Und wenn sich ein Begriff einmal durchgesetzt hat, hilft auch keine europäische Frühstücksrichtlinie.

Neue Regelung, neue Vorgaben

Nun wird also alles wieder einfacher. Marmelade darf künftig wieder Marmelade heißen. Europa korrigiert damit im Grunde eine Regel, die nie wirklich funktioniert hat. Das allein wäre schon amüsant genug. Aber natürlich wäre Europa nicht Europa, wenn man die Gelegenheit nicht gleichzeitig nutzen würde, neue Vorgaben einzuführen.

Denn künftig muss deutlich mehr Frucht hinein. Der Mindestfruchtgehalt steigt kräftig an. Weniger Zucker, mehr Inhalt. Das klingt immerhin vernünftig. Wobei ich mich schon frage, wie viele Menschen beim Frühstück tatsächlich den Fruchtanteil ihrer Marmelade analysieren. Die meisten dürften eher prüfen, ob genug Butter darunter ist.

Gesunder Menschenverstand schlägt EU-Richtlinie

Trotzdem steckt in dieser kleinen Meldung erstaunlich viel Zeitgeist. Wir erleben ständig neue Regeln, neue Vorgaben und neue Definitionen. Oft mit bestem Willen. Und manchmal merkt man erst Jahrzehnte später, dass sich das echte Leben davon nur mäßig beeindrucken ließ.

Vielleicht sollten wir daraus etwas lernen. Nicht alles, was theoretisch sauber geregelt erscheint, funktioniert auch praktisch. Und manchmal ist der gesunde Menschenverstand eben stärker als jede Richtlinie.

Ich persönlich freue mich jedenfalls sehr für die Erdbeermarmelade. Sie hat fast fünfzig Jahre durchgehalten, ohne offiziell existieren zu dürfen. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Und irgendwo in Deutschland sitzt vermutlich gerade eine Großmutter am Frühstückstisch, streicht Marmelade aufs Brot und denkt sich völlig zurecht: Habe ich doch die ganze Zeit gesagt.

Markus Stier sitzt auf einem Stuhl und zwischen seinen Beinen sitzt sein schwarzer Labrador Götz.
Markus Stier

Ihr

Markus Stier

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