2002, mit dem Einsetzen menschlicher Kultur, dem ersten iPhone oder 2011 per Regierungsschlagwort: Wann die Digitalisierung begann, darf jeder ganz individuell beurteilen. Fakt ist, dass die hohen Erwartungen aus den vergangenen Jahren im Hinblick auf Grad und Geschwindigkeit von gesellschaftlicher Veränderung durch Technik der Realität Lichtjahre vorausgelaufen sind – und ein Phänomen begründen, das mit IT gar nichts zu tun hat: den Mythos. Und der ist schon beinahe wieder von gestern.
Frage an den PC: Gibt es einen Gott? Antwort: Ja, ab jetzt. Dieser Witz stammt von Stephen Hawking. Was im Ursprung als Warnung vor künstlicher Intelligenz verstanden sein will, streift nebenbei eine Dimension, die Technik heute anhaftet: das Religiöse. In der weitgehend säkularen Gesellschaft scheint sie in die Rolle des allmächtigen Heilsbringers aufgestiegen, zum Abgott geworden und ins Zentrum allen Zukunftsglaubens gerückt; oder auch: zum Götzen erkoren.
Glauben Sie nicht? Dann haben Sie vielleicht nur ein „bodenständiges“ und kein „modernes“ Begriffsverständnis von Digitalisierung, wie der Digitalverband Bitkom in seinem „Digital Office Index 2018“ unterscheidet. Können Sie gar nicht so beurteilen? Dann überlegen Sie mal, was Sie eigentlich unter Digitalisierung verstehen. Am Ende zum Beispiel nur die Unterstützung von betrieblichen Prozessen? Oder das Einscannen von Papierakten? Oder die elektronische Buchführung und Belegerfassung? Dann sind Sie absolut bodenständig.
„Modern“ dürfen Sie sich dagegen laut Bitkom erst fühlen, wenn in Ihrer Firma die Automatisierung von Prozessen unter Digitalisierung verstanden wird und außerdem die Entwicklung von Neuem, das Ihr Portfolio um virtuelle und digitale Leistungen ergänzt. Ist nicht? Muss vielleicht auch nicht, noch nicht – oder nicht mehr.
Ohne Plan geht auch
Wer sich auf die Suche nach dem Zeitpunkt macht, zu dem die Digitalisierung – also der Prozess, der den massiven Einsatz von Digitaltechnologien in Wirtschaft und Gesellschaft beschreibt – beginnt, wird nicht sofort fündig. Im Zentrum des Begriffs und auch aller damit verbundenen Erwartungen und Befürchtungen steht die digitalisierte Automatisierung, auch wenn manche Begriffsklauber die Vernetzung als wesentliches Abgrenzungskriterium ausmachen wollen, oder schlicht die Tatsache, wann wie viele Menschen ein Smartphone nutzten.
Wenn Ihre Firma noch ein „bodenständiges“ Verständnis hat, also zum Beispiel nicht am laufenden Band mobil nutzbare digitale Produkte entwickelt, bringt Ihnen diese Info ohnehin nichts. Und auch wenn grundsätzlich interessiert, wie lange man schon unterwegs ist, ist doch stets die Frage spannender, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Welches Ziel, meinen Sie?
Vielleicht haben Sie ja gar kein solches, respektive keine Strategie? Damit sind Sie nicht allein, denn laut „Digital Office Index 2018“ gehören Sie damit zur Hälfte aller Unternehmen. Vor drei Jahren konnten übrigens sogar noch drei Fünftel aller Firmen ohne Digitalagenda leben. Die nicht gerade galoppierende Dynamik mag ein Hinweis darauf sein, dass der gefühlte Druck an diesem Punkt eher gering ist. Einen eigenen Mitarbeiter für die Digitalisierung – den CDO – stellen übrigens nur nicht signifikante 1 bis 2 Prozent der Firmen in einer Größenordnung unter 500 Mitarbeitern ab.
Das ist keine Kunst und kann weg
Dafür, dass sie dies auch in Zukunft nicht tun werden, spricht einiges. Denn die Zahlen der Studie zeigen auch, dass der vielbesprochene, stets geforderte, postuliert unbegrenzt andauernde Wandel offenbar bereits an Fahrt verliert, möglicherweise gar an sein Ende kommt. Addiert man nämlich die Prozentwerte derjenigen Unternehmen, die digitale Lösungen etwa zum Prozessmanagement einsetzen, und jener, die planen dies zu tun, stellt man fest, dass die sich ergebende Gesamtzahl unter der Vergleichsgröße aus dem Jahr 2016 liegt.
Dasselbe Phänomen zeigt sich mit Blick auf Archivierung und Dokumentenmanagement oder die Automatisierung einzelner Arbeitsschritte wie das automatische Erkennen von eingehenden Dokumenten und Informationen. Letzteres fand 2018 nicht einmal in einem Fünftel (19 Prozent) aller Unternehmen statt; der Zuwachs innerhalb von zwei Jahren betrug absolut nur 1 Prozent. Angegeben, Schritte dahin tun zu wollen, hatten 2016 aber 19 Prozent. Jetzt wollen das noch 17 Prozent – das rein rechnerisch fehlende 1 Prozent zwischen Anspruch und Wirklichkeit mag statistische Unschärfe sein. Oder aber diese Firmen haben tatsächlich aufgegeben, ihre ursprünglichen Pläne als sinnlos verworfen und sich schlicht Wichtigerem zugewandt.
HR hat Trendwende vollzogen
Lassen Sie uns lieber der ersten Theorie anhängen, da andernfalls mit Blick auf den Personalbereich ein erschreckender Rückgang von 3 Prozent auf 45 Prozent weitgehend digitalisierter HR-Abteilungen sachlich stichhaltig erklärt werden müsste. Tatsächlich zählt HR nach der Produktion zu den Digitalisierungsstrebern – nur noch ein Drittel aller Personalabteilungen attestiert sich laut Bitkom selbst eine Digitalisierungsquote von unter 25 Prozent.
Wenn Sie sich jetzt so auf Ihrem Schreibtisch umschauen, sehen Sie also kein Papier mehr? Es bringt Ihnen auch niemand welches vorbei? Drucker kennen Sie nur noch aus dem Museum? Stimmt nicht? Dann sollten Sie nicht mit sich hadern, sondern eher auf das Begriffsverständnis der Studienautoren beziehungsweise die generelle Unschärfe zurückkommen.
Ketzer oder Hinterwäldler
Das wahrhaft Einzigartige am Phänomen Digitalisierung ist die Absolutheit, mit der ihre Segnungen für alle Branchen und Typen von Unternehmen gelten sollten und immer noch sollen. Kaum jemand bezweifelte lange Zeit öffentlich ihre Notwendigkeit für sich und sein Geschäft, wenn er nicht als rückständiger Hinterwäldler gelten wollte. Genug digitalisiert, das gab es nicht. Kritik am Aufwand für die Technik, der eigentlich längst deren Nutzen überstieg, wurde selten laut. Auch das erinnert mehr an Religion denn an Betriebswirtschaft, da Erstere ja bekanntermaßen auch keine Fragen nach dem Konkreten mag und Ketzer als verlorene Seelen brandmarkt – wenn Gnade vor Recht gilt, ansonsten droht standrechtliche Sanktion. Den wichtigsten Beleg dafür, dass solche Fragen ohnehin wohl eher selten auf stichhaltige Gegenargumente getroffen wären, liefert übrigens ausgerechnet der Mensch hinter der Maschine des berüchtigt gewordenen Job-Futuromats.
Sie wissen schon, das ist das mit öffentlichem Geld finanzierte Digital-Orakel, das Ihnen als Lohn- und GehaltsbuchhalterIn sagt, dass Ihr Arbeitsalltag im Wesentlichen aus vier (!) verschiedenen Tätigkeiten besteht, von denen bereits heute und gestern und seit Jahren vier (!) und somit 100 Prozent aller Aufgaben Roboter übernehmen könnten.
Ja, verdammt – warum tun sie es denn dann nicht? Technik wäre wohl teurer als Manpower, so der Macher schlichte Antwort auf diese simple Frage. Nur folgt daraus nicht, dass die Digitalisierung vielleicht schon an ihre Grenzen gestoßen ist – und in weiten Bereichen der Arbeitswelt heute nichts weiter ist als eine gigantische, globale, gnadenlos überschätzte Luftblase? Natürlich bedarf es digitaler Technik, so wie es Strom braucht oder Luft. That’s it.
Künstliche Intelligenz oder einfach eine App?
Wer sich kritisch umschaut, merkt, dass dem Thema nicht nur das Effizienzsteigerungspotenzial, sondern auch die Visionen langsam ausgehen. Wo bleibt die Revolution? Die bahnbrechenden Neuerungen? Lieferdrohnen, Selfdriving Cars, Pflegeroboter – das sind Dinge, die, erstens, Sciencefiction-Autoren schon vor hundert Jahren antizipierten, die, zweitens, immer noch nicht ordentlich funktionieren und die, drittens, eher mit Mechanisierung denn mit Digitalisierung zu tun haben. Welche der Heilsversprechen, die an die Digitalisierung geknüpft wurden, sind denn bis heute eingelöst?
Freilich tritt echte Innovation meist unvermittelt auf – doch derzeit sichtbar visionär und deshalb gefühlt auch so unheimlich ist lediglich AI. Die Dystopie der Künstlichen Superintelligenz ist das Lieblingsnarrativ der Gegenwart und hat doch mit der Wirklichkeit wenig gemein. Denn die Grenze zu dem, was wir als KI wahrnehmen, verschiebt sich kontinuierlich parallel zum Fortschreiten derselben. Oder halten Sie Ihr Navi noch für eine Form von KI? Oder gar für eine Bedrohung? Was heute hochtrabend als KI gehandelt wird, ist morgen eine simple App. Wie weit der Fortschritt reichen wird, ist ungewiss; unendlich und entfesselt ist er aber sicherlich nicht.
Und dass auch das Digitale eine Ethik braucht, so wie seinerzeit die pferdelosen Kutschen eine Straßenverkehrsordnung, ist unbestritten. Sie wird zunehmend Raum gewinnen, ist sie doch längst von der Mehrheit der Nutzer eingefordert und von der Politik mittels erster Normen durchgesetzt. Dass Letztere wie die viel gescholtene Datenschutz-Grundverordnung nicht überall auf ungeteilten Beifall treffen, liegt daran, dass Ethik manchmal etwas mühsam bis sperrig daherkommt und selten lukrativ ist.
I am the future of work
Die Tatsache, dass das mit der Digitalisierung irgendwie schon wieder durch ist, nimmt eine wachsende Anzahl an Menschen gerade wahr – welche allerdings offenbar mehrheitlich weder Verbänden noch Beratungs- oder Medienunternehmen angehören. So startete die OECD jüngst eine Kampagne mit dem Titel „I am the future of work“, die auf einer Plattform Wortbeiträge von Menschen aus aller Welt zusammenführt. Neben erwartungsgemäß viel pflichtschuldiger Euphorie und Zukunftslust lässt sich dort auch nachlesen, dass vieles, was seit fünfzehn Jahren hinsichtlich des Jobabbaus im mittleren Qualifikationssegment prognostiziert wird, offenbar nicht stattfindet.
Diese gefühlte Wahrheit belegt der Blick auf die Statistik. Sie im Falle von Payrollern bemühen zu wollen, ist vergebens, doch kennt das Statistische Bundesamt immerhin die Zahl der Buchhalter, die als Indiz dienen mag. Jene hat seit dem Jahr 2012 um 8.000 Beschäftigte von damals 324.000 auf zuletzt im Jahr 2017 gezählte 332.000 zu- und nicht etwa abgenommen. Allerdings – das sei auch nicht verhehlt – war die Tendenz zuletzt leicht sinkend (Höchststand waren 334.000 beschäftigte Buchhalter im Jahr 2015), was aber durchaus im Rahmen der konjunkturellen Schwankung liegen dürfte.
Was lässt sich daraus ableiten für die große Digitalisierungsangst? Sie entfällt zugunsten einer neuen Zukunftsagenda. Für Letztere ist der Kopf schließlich wieder frei, wenn erst das ganze Technikgeschwafel aus den Ohren gespült ist und die Augen wieder über den Teller- respektive Bildschirmrand schauen dürfen. Technik ist Hilfsmittel und nicht Motor aller Innovation. Plastik war schließlich auch einmal eine große Sache – als revolutionäres Material der Zukunft in den sechziger Jahren. Heute ist seine Verwendung nicht nur banal und völlig alltäglich, sondern schon wieder ein Problem.
Was tun im postdigitalisierten Zeitalter?
Willkommen im postdigitalisierten Zeitalter! Gemeint ist der Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft, in dem Technik einfach selbstverständlich dazugehört und dabei natürlich einem – wenn auch sich in seiner Dynamik wohl eher abschwächenden – Fortschritt unterliegt. Womit aber können sich Unternehmen und deren Bereiche dann in Zukunft profilieren? Nach dem Abschluss der vermeintlich wichtigsten Zukunftsaufgabe bleibt der Schirm vermutlich erst einmal öd.
Seine – natürliche – Intelligenz hat zwar zwischenzeitlich trotz oftmals beschworener drohender digitaler Demenz wohl niemand eingebüßt, doch die Fixierung auf den vermeintlich einzigen Mega-Selbstläufer-Trend hat den Blick vernebelt. Worauf konzentrieren? Wonach ausrichten? In welche Richtung denken? Das scheint schwieriger geworden. Den Beruf des „Erfinders“ – so viel Ironie am Rande – kennt der Job-Futuromat, in dem doch Tausende Jobprofile hinterlegt sind, im Übrigen nicht.
Dieser wird das Progrämmchen aber ziemlich sicher überdauern und ist gerade jetzt sehr gefragt. Ein Anfang ist vielleicht, einfach mal wieder grundsätzliche Fragen zu stellen. Wie sieht denn neues Arbeiten wirklich aus? Was kann der Mensch besser als der Rest der Materie auf diesem Planeten? Was ist sein Alleinstellungsmerkmal?
Im besten Falle ist dies wohl die Empathie. Es wird daher womöglich Zeit, das Gefühl zur Maxime allen Handels zu machen. Computer haben ja alle, der Fortschritt liegt also vielleicht nicht in mehr Effizienz, sondern in der Intuition und in einer neuen Intensität der Kommunikation. Vielleicht sorgt das jenseits aller HR-Management-Systeme ja für keinen schlechteren Match von Mensch und Aufgabe. Oder bringt viel in Sachen Motivation, Teaming, Agility und was sonst noch alles wichtig ist.
Willkommen in der wirklichen Welt
Künstliche Intelligenz ist heute nicht einmal so clever wie ein Schimpanse – weshalb sollte sie das Potenzial besitzen, innovative Organisationskonzepte oder neues Arbeiten zu befördern? Die reale Gefahr, die von ihr ausgeht, ist ja nicht, dass KI-getriggerte Maschinen eines Tages die Weltherrschaft übernehmen, weil sie schlauer sind als die Menschen, sondern dass die Computer Schaden anrichten, weil sie eben genau das, was der Volksmund „gesunden Menschenverstand“ nennt, nicht besitzen. Beobachten lässt sich dies aktuell beim selbstfahrenden Auto.
Noch gilt derjenige, der so argumentiert, leicht als Ketzer. Und doch gibt es keinen Trend ohne Gegentrend. Die Frage ist immer nur das Timing. Interessant wäre sicherlich heute der Blick auf das Mienenspiel neu zu gewinnender Mitarbeiter, denen man erklärt, dass der digitale Schnickschnack in unserem Unternehmen keine große Rolle mehr spielt.

