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Digitaler Arbeitsplatz : von Furcht zu Future

Lesezeit 6 Min.

Das Digitale verwandelt die Welt – und ganz massiv die Arbeitswelt. Wovor sollte die Arbeitswelt sich am wenigsten fürchten?

Vor genau diesem Wandel! Die Arbeitswelt unterlag schon immer sich ändernden Bedingungen. Als die ersten Computer in die Büros einzogen, hatte man damals auch direkt Sorge vor Arbeitsplatzverlust — wie wir sehen, war das jedoch völlig unbegründet. Auch von „Mobile“ hat vor zehn Jahren noch niemand gesprochen. Heute möchte aber niemand mehr darauf verzichten, auch unterwegs erreichbar zu sein und vor allem auch andere erreichen zu können. Wichtig ist natürlich immer, dass man Rahmenbedingungen an die technologische Entwicklung anpasst. Wenn wir beim Beispiel Mobile bleiben, heißt das, dass eine stetige Erreichbarkeit nicht mit jederzeitiger Verfügbarkeit gleichgesetzt werden darf. Das ist eine Aufgabe des Managements, dafür zu sorgen, dass der Fortschritt auf der einen Seite nicht zum Nachteil auf der anderen Seite gedeiht.

Eine lächelnde Person mit kurzen Haaren, Brille, Anzug, weißem Hemd und rot gestreifter Krawatte steht in einer Büroumgebung mit unscharfen Hintergrundelementen.
Frank Roth – Vorstand und CEO von AppSphere

Geht es immer nur nach vorne — oder heißt es sich auch mal, sich zu besinnen? Wo wird Altes und Neues sinnvoll zusammengeführt?

Wenn Sie damit meinen, dass wir uns auf alte Werte wie Respekt, Loyalität, Qualität und mehr besinnen sollten, dann kann ich das nur unterstützen. Und wenn wir vom Arbeitspensum jedes Einzelnen sprechen, sicherlich auch. Die Gewerkschaften haben da ja nun gerade einen Etappensieg errungen, indem sie die genaue Erfassung der Arbeitszeiten durchgesetzt haben. Inwieweit das Konzepten wie der Vertrauensarbeitszeit oder Vergleichbarem schaden kann, sei an der Stelle dahingestellt.

In der Digitalisierung jedoch ist es wichtig, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, da ist das Besinnen aus meiner Sicht fehl am Platz. Stellen Sie sich vor, eine gesamte Branche setzt auf E-Mails, aber Sie schreiben noch Briefe — wer bekommt wohl den Auftrag? Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit den massiv angestiegenen und immer weiter wachsenden Datenmengen. Möchten Sie diese auf einem kosten- und pflege intensiven Server in Ihrem Unternehmen sichern, statt sie in die Cloud auszulagern? Auch in Sachen Zusammenarbeit mit Kollegen und externen Partnern ist die digitale Welt enorm hilfreich. Das ge meinsame Bearbeiten von Dokumenten, der zentrale Austausch von und der Zugriff auf Daten — unabhängig vom Aufenthaltsort der Personen —, die schnelle Abstimmung per Chat oder Video-Call: All das macht die Arbeit produktiver und Prozesse effizienter. Die technologische Entwicklung wird nicht stillstehen, das heißt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer können das genauso wenig tun. Wer bestehen möchte, wächst mit.

Das heißt aber nicht, dass man Grundfeste über Bord wirft: Wenn es um die Kombination von Bewährtem und Neuem geht, bin ich der Überzeugung, dass das Bewährte die zu Beginn genannten Werte sind. Diese müssen bei aller Digitalisierung eine Rolle spielen. Das Menschliche darf nicht verloren gehen.

Was sollte Technik leisten, ohne den Menschen als solchen zu „ersetzen“? Wo sind die Grenzen der digitalen Arbeitswelt?

Technik soll Menschen nicht ersetzen, sie soll sie verbinden und sie befähigen, Großes zu leisten, sowie das Arbeitsleben angenehmer und einfacher machen. So ist zumindest meine Auffassung. Das schafft Technik aber nur, wenn der Mensch bereit ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen — und zwar auf allen Hierarchiestufen eines Unternehmens. Wenn der Chef nicht mitspielt, sieht doch kein Mitarbeiter ein, dass er es anders handhaben sollte. Das heißt, mit neuer Technologie darf nicht nur ein digitaler Wandel stattfinden und man setzt eben einfach Tools ins Unternehmen und guckt mal, was passiert. So funktioniert es nicht. Die Unternehmenskultur und auch das Führungsverständnis müssen sich wandeln; man muss die Kollegen mit auf den Weg nehmen und in Entscheidungen auch einbeziehen.

„Grenzen“ gibt es da sicher noch einige — und ich glaube und hoffe auch, dass das so bleibt. Ich möchte zum Beispiel auch weiterhin persönlich kommunizieren, nicht nur über den Bildschirm. Interessanterweise beobachte ich das auch bei der Generation Y, der man ja oft vorwirft, dass sie nur noch auf ihr Smartphone starrt. Aber für sie ist es absolut wichtig, sich auszutauschen, in Kontakt zu stehen, sich auch mal digitale Pausen einzuräumen. Wieder eine Anforderung mehr an den Arbeitgeber: Er muss diese Rückzugsräume schaffen.

Wo liegen die größten Potenziale und welche Techniken, Lösungen und Apps sind auf dem Vormarsch?

In der Geschäftswelt ist Künstliche Intelligenz (KI) gerade das beherrschende Thema, dagegen sieht das Internet of Things fast schon wieder alt aus. Und es stimmt auch, darin schlummert wirklich Potenzial, und zwar nicht nur in der Produktion, sondern auch im klassischen Bürojob. Wenn eine Maschine lernt, wie sie spezifische Kundenanfragen automatisch richtig beantwortet und wirklich mit verwertbaren Antworten hilft, kann die Kundenzufriedenheit sehr gesteigert werden und Mitarbeiter im Support können entlastet werden. Das nur als Beispiel. KI sollten wir also alle auf der Rechnung haben, da werden in naher Zukunft viele Anwendungen entstehen, die in den Arbeitsalltag vordringen.

Basis der schnellen Verbreitung und Nutzung neuer Technologien ist zweifelsohne die Cloud. Dort wird in atemberaubender Geschwindigkeit die erforderliche Rechenleistung für innovative Software bereitgestellt, was die Entwicklung neuer Lösungen unterstützt. Gepaart mit dem schnellen 5G-Netz, das sich in vielen Ländern derzeit im Aufbau befindet, erhalten gerade mobile Lösungen die erforderliche Konnektivität und Bandbreite, um auch richtig gut zu funktionieren: Autonomes Fahren sei hier als Beispiel genannt. Nicht zuletzt schreitet die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine immer weiter fort und erzielt immer bessere Resultate. Beispiele sind hier Lösungen für Augmented oder Virtual Reality sowie humanoide Roboter, welche den Menschen in seinem Arbeits- und Privatleben in vielfältigster Form unterstützen.

Den einen „Megatrend“ gibt es heute nicht mehr — vielmehr erfolgen Innovation und Fortschritt in nahezu jedem Lebensbereich. Wichtig bei der Bewertung der vielfältigen neuen Möglichkeiten ist, welche Chancen diese dem Menschen bieten und welche Risiken und Nachteile man dafür eingehen muss.

Könnte vielleicht kommen, woran fast noch niemand gedacht hat, oder welche „Formel“ hat die Zukunft?

Sie können fest davon ausgehen, dass bestimmte Unternehmen schon längst neue Pläne oder mindestens Ansätze in der Schublade haben, mit denen wir uns über kurz oder lang auseinandersetzen werden. Ich glaube allerdings nicht, dass wir uns dabei von der Digitalisierung jemals abwenden werden. Sie wird sicher noch weitere Kreise im Privaten wie Beruflichen ziehen und dann werden wir wieder nach dem richtigen Weg suchen, damit umzugehen, ohne jemandem Schaden zuzufügen.

Das ist übrigens auch eines der zentralen Themen von Süddeutschlands Leitkongress „New Work Evolution“. Im Oktober 2019 werden rund 300 Gäste in Karlsruhe erwartet, die sich mit der Zukunft der Arbeitswelt in allen Schattierungen auseinandersetzen möchten. Impulse geben Wissenschaftler wie Zukunftsforscher, international angesehene und erfolgreiche Konzerne wie SAP, Personalprofis und viele mehr. Dass wir in den Vorträgen und Workshops eine „Formel“ für die Zukunft entdecken, wäre ein zu großer Anspruch. Aber ich bin sicher, dass wir Denkanstöße, neue Sicht- und auch Vorgehensweisen finden, mit denen wir die zu Beginn erwähnte Furcht schmälern und stattdessen Nutzen und praktische Hinweise mit auf den Weg geben können.

Herr Roth , vielen Dank für das Gespräch.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren und Brille lächelt in die Kamera. Sie ist vor einem braunen Hintergrund abgebildet. Ihr Name, Dr. Silvija Franjic, und der Titel „Online-Redakteurin“ sind rechts auf einem grünen Hintergrund zu sehen.

 

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