Wertschätzung, Beteiligung und Qualifizierung : Mitarbeiterbindung einmal anders gedacht
Fachkräfte zu gewinnen, gehört für viele Unternehmen zu den größten Herausforderungen. Mindestens ebenso anspruchsvoll ist jedoch die Frage, wie gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig gehalten werden können. Gerade in Zeiten eines angespannten Arbeitsmarktes reicht es nicht aus, ausschließlich über die Gewinnung neuer Beschäftigter nachzudenken. Wer dauerhaft erfolgreich sein will, muss mindestens genauso intensiv auf diejenigen schauen, die bereits da sind.
Während sich in größeren Unternehmen ganze HR-Abteilungen mit Mitarbeiterbindung, Employer Branding und Benefits beschäftigen, ist Mitarbeiterbindung in kleinen und mittelständischen Unternehmen häufig unmittelbar Aufgabe der Unternehmensleitung.
Dass dies kein Nachteil sein muss, zeigt das Beispiel eines Familienunternehmens aus Baden-Württemberg.
Mitarbeiterbindung ist mehr als ein Benefit
Das Hotel Rössle in Rechenberg wird seit Jahrzehnten als Familienbetrieb geführt. Lutz Sperr und seine Frau Edeltraud verstehen sich nicht nur als Gastgeber für ihre Gäste. Auch im Umgang mit den eigenen Beschäftigten gehen sie Wege, die einen genaueren Blick wert sind.
Ein Beispiel ist ein besonderes Mitarbeiterjubiläum. 25 Jahre Betriebszugehörigkeit sind heute alles andere als selbstverständlich. Im Hotel Rössle wurde dieses Jubiläum deshalb nicht lediglich mit Blumen, einer Urkunde oder einem kurzen Dankeschön gewürdigt. Die langjährige Mitarbeiterin wurde gemeinsam mit ihrer Familie auf eine Mittelmeerkreuzfahrt eingeladen.
Natürlich ist eine solche Anerkennung außergewöhnlich und sicherlich nicht auf jedes Unternehmen
übertragbar. Entscheidend ist weniger die konkrete Reise als die Haltung dahinter. Langjährige Betriebszugehörigkeit wird nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet, sondern als Leistung und Ausdruck einer über viele Jahre gewachsenen gegenseitigen Verbundenheit.
Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einem klassischen Benefit und tatsächlich gelebter Mitarbeiterbindung. Ein Benefit lässt sich organisieren, kalkulieren und in einer Stellenanzeige aufführen. Persönliche Wertschätzung muss dagegen im betrieblichen Alltag erkennbar sein.
Mitarbeiterbindung entsteht eben nicht allein durch Vergütung, Arbeitszeitmodelle oder zusätzliche Leistungen. Sie entsteht ebenso durch das Gefühl, wahrgenommen und als Teil des Unternehmens verstanden zu werden.
Beteiligung statt Anordnung
Besonders deutlich wird dies, wenn Veränderungen im Unternehmen anstehen.
Digitalisierung und neue Softwarelösungen gehören heute in nahezu jedem Betrieb zum Alltag. Häufig werden solche Veränderungen auf Leitungsebene beschlossen und anschließend den Beschäftigten präsentiert.
Im Hotel Rössle wurde bei der Einführung einer neuen Hotelsoftware einanderer Weg gewählt. Die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in die Planung und Umsetzung einbezogen.
Damit wird aus einer technischen Veränderung zugleich ein Personalthema.
Wer Beschäftigte frühzeitig beteiligt, nutzt nicht nur deren praktische Erfahrungen, sondern schafft Akzeptanz. Diejenigen, die später täglich mit einer neuen Lösung arbeiten sollen, wer den nicht erst am Ende eines Veränderungsprozesses mit dessen Ergebnis konfrontiert.
Gerade bei Digitalisierungsprojekten wird dieser Aspekt nach meiner Erfahrung noch immer unterschätzt. Eine technisch überzeugende Lösung führt nicht automatisch zu einem guten Prozess. Entscheidend ist, ob die Menschen, die damit arbeiten sollen, mit genommen werden.
Weiterbildung darf auch anders aussehen
Auch bei der notwendigen Schulung für die neue Software blieb man diesem Ansatz treu.
Neben dem Hotel in Rechenberg betreibt die Familie Sperr mehrere Feriendomizile, unter anderem im österreichischen Leogang. Kurzerhand wurde die Mitarbeiterschulung dorthin verlegt.
Aus einer klassischen Softwareschulung wurde eine dreitägige Veranstaltung, die fachliche Weiterbildung und gemeinsames Erleben miteinander verband.
Ich selbst durfte einen Teil dieser Veranstaltung begleiten. Meine Aufgabe bestand darin, mit den Mitarbeitern die aktuellen gesetzlichen Entwicklungen rund um Entgeltabrechnung und Personalwesen zu besprechen.
Gerade dieser Punkt erscheint mir wichtig: Mitarbeiterbindung und Qualifizierung dürfen nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Wertschätzung bedeutet auch, Beschäftigten das notwendige Wissen und die erforderlichen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Aufgaben fachlich sicher erfüllen können.
Weiterbildung wird häufig zunächst unter Kostengesichtspunkten betrachtet. Seminargebühren, Arbeitsausfall, Reise- und Übernachtungskosten sind unmittelbar sichtbar. Schwieriger zu beziffern ist dagegen der Wert gut qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Noch schwieriger lässt sich messen, welche Wirkung es entfaltet, wenn Weiterbildung nicht als notwendige Pflichtveranstaltung, sondern als Investition in die Beschäftigten verstanden wird.
Gemeinsames Lernen schafft mehr als Fachwissen
Das Rahmenprogramm der dreitägigen Veranstaltung machte deutlich, dass es nicht allein um Software und Fachinformationen ging. Gemeinsame Zeit, Gespräche außerhalb des Arbeitsplatzes und der persönliche Austausch gehörten ebenso dazu.
Genau hier liegt ein Aspekt, der bei der Diskussion um moderne Arbeitswelten gelegentlich verloren geht. Mobiles Arbeiten, Homeoffice und digitale Kommunikation haben Arbeitsprozesse flexibler gemacht. Gleichzeitig ersetzt digitale Zusammenarbeit nicht jede Form persönlicher Begegnung.
Teams entstehen nicht allein in Videokonferenzen. Vertrauen entwickelt sich auch im persönlichen Gespräch, beim gemeinsamen Essen oder während einer Veranstaltung außerhalb des normalen Arbeitsalltags. Wer Mitarbeiterbindung ernst nimmt, sollte deshalb nicht nur darüber nach denken, von wo aus gearbeitet wird. Ebenso wichtig ist die Frage, wann und wie Menschen bewusst zusammengebracht werden.
Damit kann auch die klassische Weiterbildung neu gedacht werden. Ein Seminar muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Beschäftigte einige Stunden in einem Schulungsraum sitzen, Fachinformationen aufnehmen und anschließend an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Werden fachliche Qualifizierung, gemeinsames Lernen und persönliche Begegnung miteinander verbunden, kann Weiterbildung zugleich einen Beitrag zur Teamentwickung und Mitarbeiterbindung leisten.
Ausbildung als Teil nach haltiger Personalpolitik
Dass Personalentwicklung langfristig gedacht wird, zeigt sich im Hotel Rössle auch beim Thema Ausbildung. Jüngst schloss eine Auszubildende ihre Prüfung mit hervorragenden Ergebnissen ab und startet nun ihre weitere berufliche Zukunft im Unternehmen.
Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen ist die eigene Ausbildung ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung. Allerdings reicht es nicht, junge Menschen auszubilden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, ihnen anschließend eine Perspektive zu bieten, die sie zum Bleiben bewegt.
Wer bereits während der Ausbildung Verantwortung überträgt, Entwicklung ermöglicht und Zugehörigkeit vermittelt, schafft hierfür wichtige Voraussetzungen.
Fachkräftesicherung beginnt damit nicht erst mit einer Stellenanzeige. Sie beginnt im eigenen Unternehmen.
Neue Arbeitswelten brauchen Begegnung
Diese Haltung findet sich auch im Geschäftsmodell des Hotels wieder. Mit dem Rössle Campus und Seminarpark wurden klassische Tagungsangebote weiterentwickelt. Im ehemaligen Tagungshaus „Obstgarten“ entstand ein multifunktionales „CoWorkingCenter“ mit Bereichen für konzentriertes Arbeiten, Zusammenarbeit und Kommunikation sowie Rückzugsmöglichkeiten. Begegnungsflächen und Übernachtungsmöglichkeiten ermöglichen Teams, mehrere Tage gemeinsam vor Ort zu arbeiten.
Das Konzept folgt damit einem Gedanken, der auch für die Personalpolitik interessant ist: Moderne Arbeit braucht nicht weniger Gemeinschaft, sondern möglicherweise andere Formen von Gemeinschaft.
Was Unternehmen daraus lernen können
Natürlich lässt sich das Beispiel eines familiengeführten Hotels nicht eins zu eins auf einen Industriekonzern oder ein Unternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten übertragen. Darum geht es auch nicht.
Bemerkenswert ist vielmehr die Konsequenz, mit der unterschiedliche Maßnahmen einem gemeinsamen Grundgedanken folgen: Beschäftigte werden nicht ausschließlich als Arbeitskräfte betrachtet, sondern als Menschen, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen.
Daraus lassen sich einige grundsätzliche Erkenntnisse ableiten: Mitarbeiterbindung beginnt mit Wertschätzung. Beteiligung schafft Akzeptanz. Weiterbildung ist nicht nur Qualifizierung, sondern zugleich ein Zeichen des Vertrauens in die weitere gemeinsame Zukunft. Persönliche Begegnungen bleiben auch in einer digitalen Arbeitswelt wichtig. Und Anerkennung muss nicht immer standardisiert sein.
Viele Unternehmen verfügen heute über umfangreiche Benefit-Kataloge. Jobrad, Sachbezüge, Gesundheitsangebote, zusätzliche Urlaubstage oder Zuschüsse können attraktive Bestandteile eines Gesamtpakets sein. Sie ersetzen jedoch keine Unternehmenskultur.
Ein steuerlich optimierter Benefit allein bindet noch keinen Mitarbeiter.





