Intensiv-Dialog zwischen Dr. Silvija Franjic und Nicole Eppie Wagner : Nicht mit den Jungen? (Teil 1 – Die Ausgangslage)
Die Zeit ist mehr als reif: Wir brauchen nicht weitere Anklagen, ständig neue Fragen, was nun werden soll, verurteilendes Fingerpointing und noch mehr Spaltung zwischen den Generationen. Was wir dagegen ganz dringend benötigen, sind Antworten, mit denen wir endlich – alle gemeinsam – arbeiten können, und vor allem Wege zu umsetzbaren Lösungen.
Wo wir allerdings dafür noch viel genauer, vielleicht auch schonungsloser und trotzdem wesentlich offener und hoffnungsvoller hinschauen dürfen, das erörtern in einem intensiven, tiefgreifenden und spannenden Austausch Dr. Silvija Franjic (Fachredakteurin und Jobcoach) und Nicole Eppie Wagner – LinkedIn HR Top Voice der Jahre 2024 und 2025, Sozialpädagogin und Ausbildungsbegleiterin, Expertin für Bildung, Armutsbekämpfung und Chancengerechtigkeit.
Anspruchsvoll oder arbeitsunwillig?
Haben wir nicht schon „immer“ auf die jüngere Generation „geschimpft“? Oder hat die derzeitige Debatte eine ganz andere Qualität erreicht – und geht es längst nicht um viel mehr als „nur“ um den kritischen Blick aufeinander? Sind wir nicht vielmehr in der Situation von nicht nur krassen Brüchen, sondern viel bedeutenderen gesellschaftlichen Erschütterungen?
Zümrüt Gülbay-Peischard, Professorin für Wirtschaftsrecht, findet mit dem Titel „Akadämlich“ deutliche Worte für ihre Perspektive auf unsere jüngeren angehenden „Leistungsträger“ und ist überzeugt, dass es selbst unserer angeblichen Bildungselite am Bewusstsein für unsere Zukunft fehlt. Ihre Kritik richtet sich nicht gegen alle, aber aus ihrer Erfahrung ist sie der Auffassung, dass das bereits bei mindestens der Hälfte zutrifft. Die Qualität der Lehre leide unter zunehmendem Mittelmaß, bedingt durch weniger leistungsbereite Studierende. Lediglich ein Drittel der Studenten sei eindeutig leistungsfähig und leistungswillig, mit diesen sei es tatsächlich dann auch eine Freude, zu arbeiten.
Ansonsten mangele es bereits bei unseren in Deutschland Studierenden an grundlegenden Dingen wie: Anwesenheit, Vor- und Nachbereitung der Studieninhalte oder Selbstorganisation. Ein Drittel aller Studenten schafft das Studium nicht in der Regelstudienzeit, Prüfungen werden schlecht geplant, zu oft wiederholt – und am Ende fehle es noch an Pünktlichkeit und grundlegenden Umgangsformen, und auch eine verrohte und unangemessen saloppe Kommunikation sei zu beklagen. Wenn es selbst in so „privilegierten Mikrokosmen“ schon bei so wichtigen Voraussetzungen, Eigenschaften und der mangelnden Durchführung hapert, wie groß muss dann die Tragweite insgesamt sein und durch welche Bereiche ziehen sich diese Phänomene bereits? Wie groß und tief haben sich die Tragweite und weitreichende Konsequenzen schon in unsere Systeme „gefressen“ und wie, wo und vor allem bei wem müssen wir deshalb schleunigst ansetzen?
LinkedIn HR Top Voice (2024 /2025),
Sozialpädagogin, Expertin für Arbeitsmarktintegration
Nicole Eppie Wagner:
Wer heute über „arbeitsunwillige“ junge Menschen klagt, verwechselt individuelle Haltung mit struktureller Überforderung. Silvija Franjics Gedanken setzen an wichtigen Punkten an – doch die Frage „Anspruchsvoll oder arbeitsunwillig?“ lenkt den Blick auf die Jugendlichen statt auf die Bedingungen, unter denen sie groß werden.
Bei meiner Arbeit in der Arbeitsmarktintegration sehe ich: Kein junger Mensch scheitert aus Bequemlichkeit. Vieles ist Ergebnis eines Bildungssystems im Dauerstress, in dem Fachkräfte kaum noch begleiten, weil sie vor allem stabilisieren. Familien stehen unter massivem Zeitdruck; Autonomie lässt sich schwer vorleben, wenn der Alltag kaum Luft zum Atmen lässt.
Während Boomer und Millennials ihre Selbstständigkeit draußen und unbeaufsichtigt entwickelten, wachsen heutige Kinder in einer Kindheit der Kontrolle auf – digital überwacht, sozial isolierter, mit weniger realen Erfahrungsräumen. Autonomie lässt sich nicht per Standortfreigabe erlernen.
Wenn man da jetzt „Mittelmaß“ beklagt, beschreibt man am Ende vielmehr die Folgen struktureller Engpässe. Die relevante Frage lautet deshalb nicht: Was stimmt nicht mit der Generation? Sondern: Welche Bedingungen verhindern, dass junge Menschen das entwickeln können, was wir später selbstverständlich von ihnen erwarten?
Viele Lebensfähigkeiten verloren?
Zusätzlich beklagen Ausbilder, aber auch Vorgesetzte und Entscheider im Allgemeinen, dass Jugendliche nur noch am Smartphone „tippen und wischen“ können. Schon im Bewerbungsprozess seien sie nicht nur schwer ans Telefon zu bekommen, sondern auch die Reaktionsfreudigkeit im Allgemeinen und auch die Verbindlichkeit sollen extrem nachgelassen haben – vom ersten Erscheinen bis hin zur Bereitschaft, etwas bis zum Ende durchzuführen.
Ebenso werden Prioritäten der Dringlichkeiten bei den Jungen bei einem erheblichen Teil ganz anders und wesentlich selbstbezogener gesetzt. Wie erklärt man sich den wachsenden Eindruck eines Phlegmas bei den Jüngeren, das so gar nicht zu den Ansprüchen unserer wirtschaftlichen Welt zu passen scheint? Oder ist das ein (unrealistisch) verschobenes Selbstverständnis durch die Resultate einer (permanent) falschen (V-)Erziehung?
Nicole Eppie Wagner:
Jugendlichen wird heute schnell „Unverbindlichkeit“ oder gar „Phlegma“ attestiert. Doch der Blick auf die Erziehung der letzten Jahre zeigt ein anderes Bild. Junge Menschen wurden stark an Beteiligung, Mitsprache und Begründungen gewöhnt. Sie haben gelernt, Entscheidungen zu verstehen, statt sie einfach zu akzeptieren. Dieses dialogorientierte Aufwachsen stärkt Selbstwirksamkeit – kollidiert jedoch oft mit Ausbildungsstrukturen, die weiterhin auf Hierarchie und sofortige Reaktion setzen.
Was als mangelnde Verbindlichkeit erscheint, ist häufig ein reflektiertes Priorisieren: erst prüfen, dann zusagen. Und der Eindruck von „Phlegma“ verwechselt Ruhe oder Vorsicht mit Gleichgültigkeit. Viele Jugendliche navigieren in einer Welt, die ihnen früh Unsicherheit, Leistungsdruck und digitale Dauerpräsenz abverlangt hat.
Rückzug ist dann nicht Faulheit, sondern Selbstschutz.
Die Frage ist daher weniger, ob Jugendliche Lebensfähigkeiten verloren haben – sondern ob wir erkennen, wie sich ihre Fähigkeiten verändert haben. Wer sie ernst nimmt, muss ihre Erziehung und ihre Kommunikationsformen mitdenken, statt sie zu problematisieren.
Vom falschen Funktionieren?
Sehr überspitzt, aber dafür sinnbildlich für zahlreiche verschiedene Bereiche gesprochen: Können die ganzen Generationen an Helikopterkindern (deren Alltag durch Elterntaxis funktionierte) nur dann zu geregelten Arbeitszeiten erscheinen, indem sie erst noch das Bahnfahren lernen müssen? Viele Personaler fordern sogar bereits, dass Eltern endlich aufhören sollen, sich für ihre Kinder zu bewerben (auch indirekt), da sie tatsächlich wirklich niemandem einen Gefallen tun damit.
Wie können wir das Bewusstsein auf eine gesunde Weise bei allen Beteiligten stärken für das notwendige zeitige Erlernen einer für das Erwachsenwerden unbedingt benötigten Selbstorganisation und Eigenverantwortung – aber gleichzeitig auch weg vom „falschen Behüten“? Und ist das nicht eher ein „Eliteproblem“? Sind Kinder aus einfacheren Herkunftsverhältnissen vielleicht bereits früh ganz anders gefordert und werden mit den daraus entstandenen positiven Eigenschaften auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt trotzdem (viel zu konsequent) übersehen und in ihrer tatsächlichen Arbeitsmarktrelevanz unterschätzt?
Nicole Eppie Wagner:
Die Sorge um ein „falsches Behüten“ ist berechtigt – aber sie trifft nur einen Teil der Realität. Aus sozialpädagogischer Sicht wissen wir, dass Selbstorganisation und Verantwortung dort wachsen, wo Kinder echte Beteiligung, Zutrauen und verlässliche Orientierung erfahren. Überbehütung entsteht häufig in Milieus, in denen Leistungsideale und Zukunftsängste hoch sind. Dort wird gut Gemeintes oft zur Entmündigung.
Gleichzeitig erleben wir, dass Kinder aus einfacheren Herkunftsverhältnissen früh Kompetenzen entwickeln, die im Übergang Schule zu Beruf Gold wert wären: pragmatische Problemlösung, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit. Aber ja – sie werden auf dem Ausbildungsund Arbeitsmarkt systematisch unterschätzt und zu wenig abgerufen. Nicht weil sie weniger können, sondern weil Auswahlprozesse stärker auf Formalität, Auftreten und kulturelle Codes reagieren als auf tatsächliche Bewältigungskompetenzen.
Die Aufgabe liegt deshalb weniger darin, „Helikopterkinder“ zu kritisieren, sondern Bedingungen zu schaffen, die allen Jugendlichen ermöglichen, Verantwortung einzuüben – und gleichzeitig jene sichtbar zu machen, die sie längst tragen.
Sogar das Denken verlernt?
Derzeit ist zu befürchten, dass Studierende und Schüler durch KI eher verlernen, statt zu lernen. Daher sollen nun wichtige Fähigkeiten wieder „erlernt werden“ bzw. die Eigenleistung der Aneignung wieder in den Vordergrund rücken. (Teil-)Prüfungen sollen an Universitäten wieder mündlich erfolgen, in Schulen erwägt man zusätzlich, das Schreiben von Hand wieder verpflichtend einzuführen. Jugendliche müssen für den späteren Erfolg natürlich unbedingt lernen, mit KI gut und selbstverständlich umzugehen. Wer aber soll ihnen (wann) das fundierte und umfassende Hinterfragen wieder beibringen, wenn alles nur noch auf Masse und Geschwindigkeit aus ist und in der Restzeit täglich 1.000 Inhalte des ungefilterten Handykonsums auf sie einprasseln?
Nicole Eppie Wagner:
Wie wir das Lernen wieder lernen – und warum Zeit dabei der entscheidende Rohstoff ist? Von außen wirkt die Debatte über KI und Lernen oft wie ein Kampf um Technologien. In Wahrheit ist es ein Kampf um unsere Aufmerksamkeit – und damit um unsere Fähigkeit, überhaupt noch zu denken. Wir leben in einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, aber Aufmerksamkeit ständig zerbricht. Vielleicht ist das größte Bildungsproblem unserer Zeit nicht der Mangel an Informationen, sondern der Mangel an Muße, um sie zu durchdringen.
Bildung entsteht nicht durch Geschwindigkeit. Sie entsteht durch Verlangsamung. Durch den Moment, in dem man sich mit einem Gedanken so lange beschäftigt, bis er sich ausbreitet, Widerstand leistet, sich verwandelt. Eine Erfahrung, die für Kinder und Jugendliche im schulischen Alltag immer seltener möglich wird – inmitten permanenter Reize, Unterbrechungen und digitaler Ablenkungen.
Umso wichtiger ist es, dass Schulen Räume schaffen, in denen Entschleunigung möglich ist: Zeiten ohne digitale Ablenkung, bewusste Lernpausen, langsame Wissensaneignung, handschriftliches Arbeiten, vertiefende Gespräche. Studien zeigen, dass tiefes, reflektiertes Lernen nur dann entsteht, wenn Lernende Zeit haben, Wissen zu verarbeiten und Bedeutung zu entwickeln – ein Kernfaktor für nachhaltige Lernprozesse.
Kurz gesagt: Kinder und Jugendliche können nur dann wirklich gut lernen, wenn sie im Schulalltag wieder Momente bekommen, in denen sie sich Zeit nehmen dürfen – zum Denken, zum Verstehen, zum Lernen, mit Ruhe statt Druck.
Wo liegt die „Schuld“ bzw. die Ursache?
Sehr gern schieben sich die „Systeme“ gegenseitig die Verantwortung für die Entwicklung zu: zwischen Elternhaus, Schule und Gesellschaft. SpiegelBestseller-Autorin Ivana Tadic beklagt, was die Schule alles nicht lehrt. Aber andererseits: Lehrer arbeiten – entgegen hartnäckig bestehenden Vorurteilen – nicht selten bis zur doppelten Stundenzahl des eigentlichen Deputats. Das ist oftmals den vielseitigen Zusatzaufgaben der heutigen Zeit geschuldet: Eltern-WhatsApp-Gruppen, Klassenfahrt- und weitere Freizeitorganisation, gestiegene Anforderungen an die mediale und inhaltliche Präsentation im Unterricht, moderne Lehrmethoden, ständige Verfügbarkeit etc.
Die Eltern von heute, die (angeblich) nichts mehr an Werten und Benehmen beibringen, klagen selbst massiv über die Unvereinbarkeit des Elternseins mit ihrem Beruf, Mental Overload, fühlen sich dem hohen gesellschaftlichen Druck und der permanenten Erwartungshaltung ihrer Kinder ausgesetzt, im heutigen Zeitgeist ständig „Allround-Bespaßer und Allesbieter“ zu sein (Alleinerziehende dabei mit mehr als Doppeldruck, allein oft finanziell gesehen). Schon gar nicht zu vergessen, die Eltern(-teile) in prekären Beschäftigungsverhältnissen, welche sehr wahrscheinlich nicht nur zu müde sind, abends noch vorzulesen – falls sie es sprachlich leisten bzw. anwesend sein können –, sondern mit sonst dramatisch steigenden Grundlebenskosten zu kämpfen haben und bereits an der Grenze zum Minimalmöglichen scheitern.
Haben wir es nicht vielmehr längst auf fahrlässigste Weise verpasst, ein „Gesamtsystem“ zu bauen und zu etablieren, in dem das alles überhaupt noch möglich sein, vorbereitet, integriert und gelebt werden – und überhaupt funktionieren – kann?! Müssen wir nicht, anstatt so zu tun, als ob es den Jungen „einfach zu gut geht“ und es einfach an „Einstellung“ oder „Willen“ mangelt, endlich viel ehrlicher Farbe bekennen und (schleunigst) beheben, was stattdessen wirklich schieflief und dringend fehlt(e)? Welche Grundelemente müssten dafür ganz unbedingt – wieder oder gar in neuer Form – ihren festen Platz in bestimmten Sozialsystembereichen erhalten?
Nicole Eppie Wagner:
Das ist die entscheidende Frage: Wo liegen Ursache und Verantwortung in einem System, das Eltern wie Lehrkräfte gleichermaßen überfordert? Aus pädagogischer Praxis wissen wir: Beide Seiten wollen das Beste für Kinder – doch ohne stabile Strukturen bleibt ihr Engagement Stückwerk. Soziologe und Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani bringt das Dilemma auf den Punkt: „Schulen müssen heute viel mehr Aufgaben erfüllen als früher. Um soziale Ungleichheit zu bewältigen, brauchen wir multiprofessionelle Teams – eigentlich schon in der Kita.“ Zugleich erinnert er daran, wie stark sich die Rollen verschoben haben: „Früher konnten Schulen sich auf die Unterstützung der Familie verlassen. Heute müssen sie wesentliche Teile übernehmen, die früher Familien geleistet haben.“
Eltern und Lehrkräfte stärker einzubinden, heißt deshalb: Gesprächsräume schaffen, die die Lebensrealitäten von Familien sichtbar machen; verlässliche Kontakte, damit Lehrkräfte Kinder im Kontext verstehen; und Teams, die nicht nur aus Lehrkräften bestehen, sondern aus Schulsozialarbeit, Erzieherinnen und Erzieher, Psychologie, Integrationspädagogik und Familienberatung. So entsteht ein Netz, das weder Eltern noch Lehrkräfte allein tragen müssen. Deshalb: Ein gerechtes Bildungssystem beginnt dort, wo wir Verantwortung teilen – und Beziehung als gemeinsame Aufgabe begreifen.




