Stier meint…! Das Rechtsfahrgebot – eine vergessene Verkehrsregel?
Markus Stier über ein Phänomen auf deutschen Autobahnen: Das Rechtsfahrgebot scheint in Vergessenheit zu geraten. Eine augenzwinkernde Kolumne über Verkehrsregeln, Verantwortung und die Frage, warum die linke Spur so beliebt ist.

Ferienzeit. Deutschland fährt in den wohlverdienten Urlaub. Und wer in diesen Wochen einige Kilometer auf unseren Autobahnen unterwegs ist, kann dabei ein interessantes Phänomen beobachten: Das Rechtsfahrgebot scheint sich in Teilen der Bevölkerung noch nicht vollständig herumgesprochen zu haben. Für diejenigen, die keinen Führerschein besitzen oder nur selten Auto fahren, deshalb zunächst eine kurze Erklärung: In Deutschland gilt grundsätzlich das Rechtsfahrgebot.
Von der Beschleunigungsspur direkt auf die linke Spur
Ich fahre viel, wirklich viel. Und manchmal frage ich mich inzwischen, ob bei neueren Führerscheinen die Benutzung der rechten Fahrspur nur noch als freiwillige Zusatzqualifikation angeboten wird. Das Schauspiel beginnt häufig bereits beim Auffahren. Beschleunigungsspur heißt dieses Stück Straße, und der Name könnte bereits einen ersten Hinweis darauf geben, was dort zu tun wäre: beschleunigen. Einige Verkehrsteilnehmer interpretieren sie allerdings eher als Gelegenheit, sich mit entspannten 60 oder 70 Kilometern pro Stunde langsam an das Thema Autobahn heranzutasten. Das Gaspedal wird vorsichtig mit der Spitze des großen Zehs berührt und irgendwann zieht man auf die Autobahn. Geschafft. Und jetzt möglichst schnell nach links.
Manche schaffen es tatsächlich innerhalb weniger hundert Meter von der Auffahrt auf die linke Spur. Rechts ist alles frei, in der Mitte ebenfalls, aber ganz links scheint es einfach schöner zu sein. Vielleicht ist die Aussicht besser. Vielleicht ist der Asphalt dort hochwertiger. Oder die linke Spur gehört inzwischen zur Komfortausstattung des Autos und ich habe das bei meiner letzten Bestellung einfach übersehen. Dort angekommen, wird sich jedenfalls eingerichtet. Tempomat auf 120 oder 130 und dann geht es Kilometer für Kilometer weiter. Das Problem ist dabei überhaupt nicht die Geschwindigkeit. Jeder soll so schnell fahren, wie er möchte und wie es erlaubt und sicher ist. Wer mit 120 Kilometern pro Stunde unterwegs sein möchte, soll das tun. Nur eben möglichst weit rechts. Denn die linke Spur ist keine persönliche Reisespur, sondern in erster Linie zum Überholen da.
Wenn aus entspanntem Verkehr gefährliche Situationen entstehen
Trotzdem erlebt man ständig Fahrzeuge, die minutenlang links fahren, obwohl rechts alles frei ist. Von hinten nähert sich ein schnelleres Fahrzeug, keine Reaktion. Noch ein Fahrzeug kommt dazu, ebenfalls keine Reaktion. Der Blick in den Rückspiegel scheint bei manchen Autofahrern ohnehin nur noch der Kontrolle der eigenen Frisur zu dienen. Irgendwann entsteht eine kleine Kolonne und genau jetzt beginnt das eigentlich Gefährliche. Der Erste wird ungeduldig, der Zweite fährt dichter auf, der Dritte beginnt mit Spurwechseln und irgendwann kommt einer auf die Idee, rechts vorbeizufahren. Aus einer völlig entspannten Verkehrssituation ist innerhalb kürzester Zeit Unruhe entstanden, die überhaupt nicht notwendig gewesen wäre.
Natürlich ist Drängeln falsch. Dichtes Auffahren ist falsch und rechts zu überholen grundsätzlich ebenfalls. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Aber genauso wenig ist es richtig, grundlos die Überholspur zu blockieren. Was mich daran besonders wundert, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der manche Fahrer links bleiben. Man hat manchmal fast den Eindruck, die Überlegung dahinter lautet: Ich fahre doch schon 130, schneller muss hier sowieso niemand fahren. Doch genau diese Entscheidung steht niemandem zu. Das Rechtsfahrgebot hängt nicht davon ab, welche Geschwindigkeit ich persönlich für angemessen halte, und die linke Spur ist auch kein Ort für private verkehrspädagogische Maßnahmen. Wer überholt, fährt links. Wer den Überholvorgang beendet hat und rechts ausreichend Platz findet, fährt wieder rechts. Eigentlich ein erstaunlich einfaches Prinzip.
Rechtsfahrgebot: Ein einfaches Prinzip mit Ausnahmen
Natürlich verlangt niemand, dass wir uns im Sekundentakt zwischen zwei Lastwagen quetschen. Auch auf dreispurigen Autobahnen gibt es vernünftige Ausnahmen vom strikten Rechtsfahrgebot. Wer nach kurzer Zeit das nächste Fahrzeug überholen würde, muss nicht hektisch hin und her wechseln. Darum geht es mir auch überhaupt nicht. Ich rede von der kilometerweit freien rechten Fahrbahn und einem Fahrzeug, das trotzdem ganz links unterwegs ist. Und dann stelle ich mir regelmäßig dieselbe Frage: Warum eigentlich? Verliert man Geld, wenn man nach rechts fährt? Sinkt der Wiederverkaufswert des Autos? Erlischt die Herstellergarantie? Oder muss man nach einer bestimmten Anzahl von Kilometern auf der rechten Spur zur Nachschulung?
Vielleicht ist es Bequemlichkeit, vielleicht Unsicherheit und vielleicht schlicht Unaufmerksamkeit. Egal welcher Grund dahintersteckt, wir sollten uns eines wieder stärker bewusst machen: Sobald wir uns ans Steuer setzen, übernehmen wir Verantwortung. Nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle anderen. Unser eigenes Verhalten löst Reaktionen aus. Jemand muss bremsen, ein anderer wechselt die Spur und der Nächste beschleunigt wieder. Gerade bei vollen Autobahnen, hohen Temperaturen und langen Urlaubsfahrten reicht irgendwann eine kleine Unaufmerksamkeit, damit aus einer harmlosen Situation eine gefährliche wird. Verkehr funktioniert eben nur miteinander und dazu gehört auch, anderen Platz zu machen.
Verantwortung im Straßenverkehr: Miteinander statt gegeneinander
Deshalb meine kleine Bitte für die nächste Fahrt: Wenn Sie auf der linken Spur unterwegs sind und rechts neben Ihnen über längere Zeit niemand fährt, probieren Sie es einfach einmal aus. Blinker rechts, Spiegel, Schulterblick und Spur wechseln. Keine Sorge, dort passiert nichts Schlimmes. Sie verlieren weder Geld noch Ehre und Ihr Navigationssystem wird Sie auch weiterhin ans Ziel führen. Und wenn irgendwann wieder jemand vor Ihnen fährt, dürfen Sie zum Überholen sogar wieder nach links. Genau dafür wurde die Spur nämlich erfunden.
In diesem Sinne: Fahren Sie aufmerksam, bleiben Sie gelassen und denken Sie daran, dass auch die rechte Spur ein Ziel hat. Sie soll benutzt werden. Gute Fahrt!

Ihr
Markus Stier
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