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Betrieb & Familie: Azubi-Recruiting : Azubi-Recruiting — Sie brauchen die Eltern!

Lesezeit 5 Min.

„Wenn das Kind nicht studiert, kann aus ihm nichts Anständiges werden!“, so die häufig zu vernehmende Aussage ambitionierter Eltern. In gewisser Weise verständlich, schließlich haben Politiker und Medien über viele Jahre hinweg das Studium als notwendig propagiert. „Wir brauchen mehr Hochschulabsolventen! war das Credo seit Einführung des Bologna-Prozesses, in dessen Rahmen das Hochschulstudium in Deutschland durch die Einführung von Bachelor und Master verändert und an internationale Standards angepasst wurde. Auch die OECD hatte seinerzeit in Deutschland Mängel konstatiert, die mit Bologna abgestellt werden sollten.

Der Denkfehler dabei: Das System der dualen Berufsausbildung in Deutschland mit der Ausbildung im Betrieb und parallel in der staatlichen Berufsschule wurde bei den Vergleichen völlig übersehen. Ein System, das in ganz besonderer Weise dazu beigetragen hat, die Wirtschaft durch alle Krisen und Veränderungen zu bringen. Ein System, um das uns viele andere Staaten beneiden und inzwischen versuchen es zumindest in Teilen zu übernehmen. Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wie Spanien oder Italien, hat eine wichtige Ursache in eben diesem Bildungssystem. Die umfassende, breit angelegte betriebliche Ausbildung qualifiziert die Beschäftigten dazu, sich schnell und kompetent auf Veränderungen einzustellen.

Die Praktiker in den Betrieben sind schon viel weiter. Haben sie die Auswahl zwischen einem dual ausgebildeten Bewerber und einem mit frischem Bachelor-Abschluss, tendieren sie stark zum Ex-Azubi. Denn der hat im Laufe seiner Ausbildung jede Menge praktischer Erfahrungen gesammelt und ist sofort einsetzbar.

Auch die Politik ist inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass die duale Ausbildung aufgewertet werden muss — nicht zuletzt auf Drängen der Wirtschaft. Unter anderem soll das Berufsbildungsgesetz verändert werden. Dabei geht es nicht nur — aber auch — um die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung. Nein, es soll auch neue Bezeichnungen für die Qualifizierungsstufen geben, um die Gleichwertigkeit der beruflichen und der Hochschulausbildung zu dokumentieren.

Als neue Bezeichnungen werden der „Berufsspezialist“ (geprüfter Berufsspezialist), der „Berufsbachelor“ (Bachelor Professional) und der „Berufsmaster“ (Master Professional) eingeführt. Der bisherige Abschluss als „Meister“ entfällt nicht, sondern wird in das neue System integriert. Weitere Maßnahmen sollen die Durchlässigkeit verbessern (durch bessere Anrechnung bei sogenannten gestuften Ausbildungen), Prüfungen flexibler machen und die Teilzeitausbildung erleichtern.

Eine visuelle Vergleichstabelle dreier Berufsqualifikationen im Blockformat: 1) Geprüfter/r Berufsspezialist/in; 2) Bachelor Professional; 3) Master Professional. Jeder Qualifikationsblock wird unten mit den zugehörigen Textbeschreibungen angezeigt.
Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) Neue Bezeichnungen für die höherqualifizierende Berufsbildung im System der tertiären Qualifizierung in Deutschland

Jetzt muss das aber auch noch in die Köpfe der Eltern implantiert werden. Denn die sind die wichtigsten Berater ihrer Kinder, wenn es um die Entscheidung zur beruflichen Zukunft geht. Und was über viele Jahre propagiert wurde, sitzt erst einmal fest. Daher ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. In erster Linie sind die Kammern und Verbände gefordert, aber auch die Unternehmen selbst können einiges dafür tun.

Eltern wollen das Beste für ihr Kind — aber was ist das?

Rund ein Drittel der Studienanfänger eines Jahrganges bricht das Studium wieder ab. Klar, einige davon wechseln „nur“ den Studiengang, viele erkennen aber, dass das Studium nichts für sie ist. Studienabbrecher sind ein echtes Thema; für die Unternehmen, die Nachwuchs suchen, durchaus ein interessanter Personenkreis.

Misserfolg kann krank machen. Die starke Zunahme psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen hat durchaus auch Überforderung als Ursache. Junge Leute, die ein Studium aufnehmen tun dies mitunter wider besseres Wissen. Eigentlich würden sie beispielsweise lieber etwas Praktisches machen, aber mit Rücksicht auf die Empfehlungen der Eltern (und die meinen es ja wirklich gut!), gehen sie dann doch zur Hochschule. Dann den Mut zu haben, den Eltern zu erklären, dass man doch lieber abbrechen und etwas ganz anderes machen möchte, das packt nicht jeder. Dabei gibt es ja durchaus die Möglichkeit, praktische Tätigkeit mit einem Studium zu kombinieren, mit dem dualen Studium. Und solche Absolventen sind für die Unternehmen ein wahrer Schatz. Denn sie kennen das Unternehmen, die Abläufe, die praktische Arbeit und verfügen über die notwendigen qualifizierten Kenntnisse aus dem Studium.

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Wer weiß denn schon, welche Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten es beispielsweise im Handwerk gibt? Den Meisterbrief kennt man vielleicht noch, aber schon der Betriebswirt im Handwerk kann getrost als Insiderwissen eingestuft werden.

Warum also nicht schon bei der Suche nach Auszubildenden die möglichen und vom Betrieb angebotenen oder unterstützten Weiterbildungsmaßnahmen darstellen? Deutlich machen, dass mit der Gesellen- oder Ausbildungsabschlussprüfung nicht Schluss ist?

Ein mögliches Kriterium für die Entscheidung zum Studium ist bei einigen Jugendlichen sicher die Möglichkeit eines Auslandssemesters. Dass man auch als Auszubildender einen Auslandsaufenthalt einbauen kann, wissen nur die wenigsten — auch die Betriebe nicht. Dabei gibt es sogar finanzielle und vor allem organisatorische Unterstützung durch das Erasmus-Programm der Europäischen Union. Auch eine solche Möglichkeit kann ein entscheidendes Kriterium für die Aufwertung des Ausbildungsberufs sein.

Nicht zu vergessen die Möglichkeiten, die ein duales Studium bietet. Zumindest für größere Betriebe durchaus ein gangbarer Weg. Auch wenn der Aufwand nicht zu unterschätzen ist – übrigens auch für die dual Studierenden. Ein leichter Weg ist es sicher nicht, kann aber eine Alternative sein, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Messen und Schulveranstaltungen

Die Möglichkeiten, den Ausbildungsberuf und das Unternehmen in Schulen vorstellen zu können, sind regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Insbesondere die klassischen Gymnasien wollen damit oft nicht konfrontiert werden. „Wir bilden für die akademische Laufbahn aus!“, muss man sich oft anhören, wenn man mit einer solchen Anfrage auf die Gymnasien zugeht. Dort gibt es zwar eine Studienberatung, auf eine echte Berufsberatung hofft man jedoch oft vergebens.

Bei den Gesamt- oder Stadtteilschulen, die auch das Abitur anbieten, sieht es meist besser aus. Ein Versuch lohnt sich jedenfalls. Ansonsten bleiben auf jeden Fall die regionalen Ausbildungsmessen. Auch dort sollten aber neben den Standardinformationen zur Berufsausbildung gleich die Weiterbildung und die Qualifizierung nach der Ausbildung thematisiert werden. Vielleicht haben Sie in Ihrem Unternehmen ja den einen oder anderen „Klassiker“, der vom Azubi in Führungspositionen aufgestiegen ist — dann nehmen Sie ihn mit zur Veranstaltung und lassen sie ihn erzählen. Das wirkt besser als jede theoretische Darstellung.

Tag der offenen Tür

Viele Unternehmen gestalten von Zeit zu Zeit einen Tag der offenen Tür. Auch ein solcher Anlass bietet die Möglichkeit, mit Eltern und potenziellen Bewerbern ins Gespräch zu kommen.

Stellen Sie das Entwicklungspotenzial in den Vordergrund, beschreiben Sie die möglichen Karrierestufen — wenn es geht auch hier mit echten lebenden Beweisen.

TIPP

Das 5. Deutsche Ausbildungsforum (DAF) am 19. und 20. Februar 2019 in Berlin widmet sich dieser Thematik mit dem Schwerpunktthema „Eltern: die unterschätzte Zielgruppe am Ausbildungsmarkt“ am zweiten Konferenztag.

www.deutsches-ausbildungsforum.de

Es wird dauern

Was sich über viele Jahre in den Köpfen festgesetzt hat, lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Aber man muss ja mal damit anfangen. Auch die Einstellung „Ohne Studium nix los!“ hat sich über viele Jahre entwickelt und dann verfestigt.

Aber man muss auf jeden Fall anfangen, denn das Problem, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen, wird ja nicht kleiner. Es müssen also neue Strategien her.

Ein Mann mit Brille und Schnurrbart, der ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und ein schwarzes Jackett trägt. Der Hintergrund ist geteilt, wobei die linke Seite grau und die rechte Seite orange ist. Der Text auf der orangefarbenen Seite lautet: „Jürgen Heidenreich, Fachautor und Fachjournalist. Schwerpunkte: Sozialversicherung und Personalwesen.“

 

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