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Blog „Entgelt & Co.“ : Wie digital darf unsere Arbeitswelt werden?

Remote Work, künstliche Intelligenz (KI) und digitale Tools versprechen mehr Flexibilität und effizientere Prozesse. Gleichzeitig verschwimmen Arbeitszeiten, Entscheidungen werden zunehmend automatisiert und Beschäftigte können technisch immer umfassender überwacht werden. Die EU beschäftigt sich verstärkt mit diesen Entwicklungen – und damit mit einer Frage, die sich auch Unternehmen stellen sollten: Wo endet sinnvolle Digitalisierung und wo beginnt digitale Kontrolle?

Lesezeit 4 Min.
Eine lächelnde Person hält eine Karte mit der Aufschrift „lohn+gehalt“ hoch, die Humanressourcen symbolisiert.

Homeoffice, mobiles Arbeiten und der schnelle Blick auf das Smartphone gehören für viele Beschäftigte inzwischen selbstverständlich zum Arbeitsalltag. Die Möglichkeiten, unabhängig von einem festen Arbeitsplatz zu arbeiten, haben sich erheblich erweitert. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung, denn gute Arbeit hängt nicht davon ab, ob jemand fünf Tage in der Woche an einem bestimmten Schreibtisch sitzt. Anwesenheit war noch nie automatisch ein Beleg für Produktivität und Leistung.

Mit dieser Flexibilität entstehen allerdings auch neue Herausforderungen. Wenn Arbeit praktisch überall möglich ist, kann daraus schnell die Erwartung entstehen, auch überall und jederzeit erreichbar zu sein.

Eine E-Mail am Abend, eine Teams-Nachricht am Wochenende oder eine kurze Rückfrage außerhalb der üblichen Arbeitszeit reichen häufig aus, um zumindest das Gefühl zu vermitteln, reagieren zu müssen.

Dabei geht es nicht nur um gesetzliche Arbeits- und Ruhezeiten, sondern ebenso um Unternehmenskultur. Wenn Führungskräfte regelmäßig außerhalb der üblichen Arbeitszeiten kommunizieren oder schnelle Reaktionen als besonderes Engagement wahrgenommen werden, kann sich eine Erwartungshaltung entwickeln, ohne dass diese jemals ausdrücklich formuliert wurde.

Wann ist eigentlich Feierabend?

Die Europäische Kommission beschäftigt sich bereits seit Längerem mit möglichen europäischen Regelungen zu fairer Telearbeit und einem Recht auf Nichterreichbarkeit. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Arbeitszeit, Datenschutz, Überwachung sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Die Diskussion darüber ist richtig. Allerdings sollte daraus nicht lediglich die nächste formale Arbeitgeberpflicht entstehen. Unternehmen sollten vielmehr hinterfragen, welche Kultur der Erreichbarkeit sie selbst geschaffen haben. Ein Recht auf Nichterreichbarkeit hilft wenig, wenn gleichzeitig vermittelt wird, dass besonders engagierte Beschäftigte selbstverständlich auch nach Feierabend reagieren.

Zusätzliche Brisanz bekommt diese Diskussion durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz. KI kann Prozesse beschleunigen, Daten analysieren, Muster erkennen und Entscheidungen vorbereiten. Gerade in HR und Payroll liegen darin erhebliche Chancen. Routinetätigkeiten können automatisiert, große Datenmengen schneller ausgewertet und Auffälligkeiten frühzeitig erkannt werden.

Gleichzeitig können Unternehmen heute wesentlich mehr Informationen über Arbeitsverhalten erfassen und auswerten als noch vor wenigen Jahren. Systemaktivitäten, Anmeldezeiten, Bearbeitungszeiten oder Arbeitsmuster lassen sich technisch erfassen, miteinander verknüpfen und zunehmend durch KI analysieren. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, welche Daten technisch ausgewertet werden können, sondern welche davon tatsächlich ausgewertet werden sollten.

Wenn der Algorithmus mitentscheidet

Genau diese Entwicklung nimmt inzwischen auch die EU stärker in den Blick. Am 20.07.2026 hat die Europäische Kommission die zweite Phase der Konsultation zum geplanten Quality Jobs Act gestartet. Dabei geht es ausdrücklich um algorithmisches Management und den Einsatz von KI am Arbeitsplatz. Automatisierte Entscheidungen sollen transparenter und stärker am Menschen ausgerichtet werden. Gleichzeitig sollen Beschäftigte besser vor übermäßiger digitaler Überwachung geschützt werden. Ein Vorschlag für den Quality Jobs Act ist für Ende 2026 angekündigt.

Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Bereits der europäische AI Act behandelt bestimmte KI-Anwendungen im Beschäftigungskontext als besonders sensibel. Dazu können beispielsweise Systeme im Recruiting, bei Beförderungs- oder Kündigungsentscheidungen, bei der Aufgabenverteilung oder bei der Überwachung und Bewertung von Beschäftigten gehören.

Dabei darf eines nicht verloren gehen: KI kann Entscheidungen unterstützen, sollte Verantwortung aber nicht ersetzen. Ein System kann erkennen, dass ein Beschäftigter weniger Vorgänge bearbeitet als ein anderer. Es weiß aber nicht zwangsläufig, dass dieser überwiegend besonders komplexe Fälle übernommen hat. Daten können Hinweise liefern, sie erklären aber nicht automatisch den gesamten Sachverhalt.

Remote Work braucht Vertrauen und klare Strukturen

Flexible Arbeitsmodelle bedeuten auf der anderen Seite nicht, dass Unternehmen auf Steuerung verzichten können. Aufgaben müssen erledigt, Fristen eingehalten und Verantwortlichkeiten geregelt werden. Gerade in der Payroll ist das offensichtlich: Abrechnungstermine und gesetzliche Fristen ändern sich nicht dadurch, dass Beschäftigte mobil arbeiten.

Remote Work braucht deshalb klare Zuständigkeiten, Vertretungsregelungen, verlässliche Prozesse und nachvollziehbare Arbeitsergebnisse. Das ist allerdings etwas anderes als der Versuch, Leistung über möglichst viele digitale Aktivitätsdaten sichtbar zu machen.

Mit KI stellt sich zudem zunehmend die Frage, wie wir Leistung künftig überhaupt bewerten wollen. Wenn eine Beschäftigte mithilfe eines KI-Tools eine Aufgabe in zwei Stunden erledigt, für die früher fünf Stunden benötigt wurden, ist sie nicht weniger produktiv. Im Gegenteil: Genau darin liegt die gewünschte Effizienzsteigerung. Es wäre widersprüchlich, durch Technologie Zeit einsparen zu wollen und gleichzeitig weiterhin hauptsächlich Zeit und digitale Anwesenheit als Maßstab für Leistung heranzuziehen.

Remote Work und KI werden Bestandteile unserer Arbeitswelt bleiben. Deshalb brauchen wir klare Regeln für Datenschutz, Arbeitszeit und automatisierte Entscheidungen. Genauso wichtig sind aber Vertrauen, Eigenverantwortung und eine Führungskultur, die nicht versucht, fehlende Sichtbarkeit durch eine immer detailliertere digitale Kontrolle zu ersetzen.

Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich schnell. Ob dadurch unsere Arbeit tatsächlich besser wird, entscheidet jedoch nicht die Technologie allein. Entscheidend bleibt, wie wir sie einsetzen und welche Arbeitskultur wir damit schaffen.

Janette Rosenberg

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